Tempelhofer Temperamente: Claus Josef Richter begeistert als Charlie Chaplin

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Filmikone: Claus Josef Richter übernahm die Rolle Chaplins und er lebt ihn heute in seinem Körper weiter. ®privat

„Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“

Die roten Kugeln tauchen auf und verschwinden schnell wieder; eben hatte der Mann im schwarzen Anzug noch drei in der Hand, jetzt ist eine weg und er holt sie aus dem Mund. So geht das eine Weile, ein Zauberkunststückchen. Am Ende lässt er die schwarze Melone vom Kopf kippen, über den Arm hinabrutschen, fängt sie mit der Hand auf, verbeugt sich: Kinderlächeln, Fotos, Applaus.

Charlie Chaplin tritt auf in der Cafeteria des Wenckebachkrankenhauses! Er selbst natürlich nicht, schon klar. Es ist einer, der ihn imitiert, an ihn erinnert, ihn würdigt mit seiner Show. Und das ist schon eine eindrucksvolle Erscheinung; wir haben Charlie Chaplin ja nie in Wirklichkeit gesehen, aber so, genau so sah er doch aus in seinen Filmen, da stimmt jedes Detail. Als da wären: Der ramponierte, löchrige Anzug mit den Flicken darauf, die lappigen, übergroßen Schuhe, das Stöckchen, das er fürs Foto kokett anhebt, das Bärtchen. Insignien, Ingredienzien einer Jahrhundertfigur sind dies, wieder erkennbar noch Generationen später, tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Und der kongeniale Imitator, der den großen Schauspieler hier an einem Tempelhofer Herbstnachmittag wieder ins Leben holt, das ist Claus Josef Richter von der ufaFabrik.

Outfit: Mit Melone, Chaplinbart, Stock, schwarzen Anzug und seiner Mimik unverwechselbar als Charlie Chaplin. ®ptivat

Outfit: Mit Melone, Chaplinbart, Stock, schwarzen Anzug und seiner Mimik unverwechselbar als Charlie Chaplin. ®privat

Seit 1981 schon gibt er den Charlie Chaplin und hat damit selbst ein Lebenswerk geschaffen. 1954 geboren, aus Trier stammend, folgte Richter im Jahr 1979 einem gewissen Josef Becher, genannt Juppy, nach Berlin; letzterer ist ja bis heute Markenzeichen, Impresario und Aushängeschild der ufaFabrik. Damals besetzten sie das Gelände des alten Ufa-Kopierwerks mit dem Ziel ein alternatives Kulturzentrum zu schaffen – die Geschichte ist bekannt. Der Ufa-Circus wurde gegründet und Claus-Josef Richter arbeitete als Circusarbeiter mit, baute im Blaumann die Nummern auf und ab. Dabei schon schlüpfte er, gewissermaßen vom Rand her, schon in komische Rollen, jonglierte, parodierte. „Keinen Lacher, keinen Gag verschenken, lautete die Devise!“ 1981 schließlich wurde das alte Ufa-Kino wiedereröffnet. Und bei dieser Eröffnung sollten alte Leinwandstars imitiert werden. Die Wahl fiel für Richter schnell auf Charlie Chaplin. Gerade mal drei Tage Zeit hatte er, um beim Trödler Kleidung und Requisiten zu besorgen. Ausverkauftes Haus, Lampenfieber; Chaplin war schließlich Perfektionist, einer der größten Komödianten des 20. Jahrhunderts. Nach der Vorstellung, beim Betrachten der Videoaufzeichnung, litt der Debütant Richter; zu vieles stimmte noch nicht. „Meine Mimik wechselt zu oft, zu verkrampft, das charmante Lächeln, das Charlie auszeichnet, sitzt, noch nicht.“ Dennoch weiß er, immerhin: „Das isses und das bleibt es.“ Er hat seine Rolle gefunden. Auch die Freunde ermuntern ihn weiterzumachen. Tausende Übungsstunden folgen. Immer wieder schaut Richter die alten Filme an, feilt an Kunststückchen, die eingebaut werden sollen, an den komplexen Bewegungsabläufen. „Beispielsweise die Drehung in eine andere Richtung. Fuß hoch, hinters andere Bein, von der Wade in einem Schwung runter zur Ferse und auf dem Fußballen gleichzeitig die Drehung nach links vollziehen. Der Rest des Körpers folgt in einer fließenden Bewegung – rennt er um die Ecke, gerät er auch mal aus der Bahn, schafft es gerade noch den Schwung auf einem Bein hopsend auszupendeln.“

Filmikone: Claus Josef Richter begeistert Groß und Klein.®Michael Eberle

Filmikone: Claus Josef Richter begeistert Groß und Klein.®Michael Eberle

So hat er seine Figur über die Jahre perfektioniert, sie angereichert mit komischen Einlagen, Zauberkunststücken, Jonglerie. Lohn der Mühe ist, natürlich, das Lächeln, das er den Zuschauern ins Gesicht zaubert – auch Kindern, die nie einen Film mit Charlie Chaplin gesehen haben. „Kinder lieben Charlie Chaplin, seine Tollpatschigkeit, seinen Sinn für Gerechtigkeit. Wenn sie mich sehen, dann heißt es: Guck mal, Papa, Mama, da steht ein Clown.“ Zu ihnen hat Richter ohnehin den besten Draht; bis heute unterrichtet er in der Kinderclownschule der ufaFabrik. Gerade sind Schüler der Charlottenburger Judith-Kerr-Grundschule im Probenraum. In zwei vormittäglichen Workshops wird mit viel Spaß ein Auftritt beim Schulfest erarbeitet.

Für Geburtstage, Jubiläen, Hochzeiten wird Charlie Chaplin gern gebucht. Dann passt der Künstler sich dem Anlass an, improvisiert, macht Empfang, Spiele mit dem Publikum. Letztens etwa im Kempinski: Charlie Chaplin sitzt auf einem Regiestuhl, jeder Gast kriegt Regieanweisungen und zur Belohnung schließlich einen Stern mit seinem Namen drauf. Beifall, Gelächter, Spaß, die Leute lockern sich – willkommen bei steifen Empfängen.
„Aufgeregt bin ich aber immer noch“, gesteht der Künstler. Dagegen helfen Rituale bei der Verwandlung in die Rolle. Die Maske muss stimmen: Puder, Brauen, Bart, die Kontraste, die die Gesichtszüge betonen. „Bevor ich mir das Bärtchen anklebe, meditiere ich“, sagt Richter. Ein paar Sätze spricht er sich vor, bittet den großen Schauspieler quasi um Beistand, um die Zuschauer glücklich zu machen. „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“, sagt Claus Josef Richter. Und gefragt danach, was seine Lebensrolle mit ihm selbst, seiner eigenen Persönlichkeit macht, weist er dem Lachen wieder eine Schlüsselrolle zu: „Wenn ich Charlie spiele, dann lachen und lächeln alle. Als Claus sieht mich keine Sau.“

Unterricht: In der Kinderclownschule der ufaFabrik arbeitet er mit Kindern, zeigt  ihnen kleine Zauberkunststücke und  wie man Menschen zum Lachen bringt. ®privat

Unterricht: In der Kinderclownschule der ufaFabrik arbeitet er mit Kindern, zeigt ihnen kleine Zauberkunststücke und wie man Menschen zum Lachen bringt. ®privat

Die Rollen und Filme des Charles Spencer Chaplin sind ja heute noch aktuell, zeigen sie doch mit großer Eindringlichkeit die Lebensrealität der Armen und Unterdrückten, ihre Not, das tägliche Leben zu bestreiten. Ihnen sind oft auch Visionen des Gegenteils beigegeben; Träume vom Luxus, die Idylle des Liebesglücks. Und immer wieder die Absage an jeden autoritären Zwang, die Opposition gegen die soziale Ordnung. Da ist Charlie Chaplin für Claus Josef Richter vielleicht auch ein Geistes- und Seelenverwandter. Er ist selbst in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Und als Mitbegründer der ufaFabrik war er ein Aussteiger, Kommunarde, lebte selbst 25 Jahre auf dem Gelände in utopisch anmutenden Verhältnissen, in denen alles geteilt wurde.

„Ich spaziere durch die Handlung, dann wird’s gut“ – so bringt Claus Josef Richter es auf den Punkt. Christoph Schröder

■ Man kann ihn auch buchen: Telefon-Nr.: 0174/ 6956803 oder
E-Mail: charliechaplinart@hotmail.com

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