In aller Ruhe stöbern im Antiquariat Tode

berlin / tempelhof seit 1973 gibt es hier das antiquariat tode, dudenstr. 36.  foto: das antiquariat

Vom Boden bis zur Decke alles voller Bücher, Regale an Regale. In allen Räumen wird jeder Winkel genutzt, aber die Brüder Tode haben den Überblick. ©Sönke Tollkühn

Bücher, Kunst und Weine

Vor über vierzig Jahren kamen zwei echte norddeutsche Viertelfriesen in die Berliner Dudenstraße, die Gebrüder Tode. Riewert Quedens, ausgebildeter Buchhändler und Harboe Mini, gelernter Kunstglaser. Sie bildeten eine ideale Kombination für die Übernahme eines Antiquitätengeschäftes, welches sich im Lauf der Jahre zu einem der wirklich guten Buch- und Kunstantiquariate unserer Stadt entwickelt hat.
Treten wir ein, befinden wir uns in einer anderen Welt: Bücher über Bücher, auch fremdsprachige. Erstausgaben und Wälzer von damals treffen auf Publikationen und Bände von heute. Zehntausende unterschiedliche Titel aus allen möglichen Wissens- und Sachgebieten sind akribisch sortiert und eingeordnet. Im scheinbaren Chaos haben die beiden Protagonisten vom Antiquariat den ultimativen Überblick. Wir sind hier nicht in der zauberhaften Welt eines Harry Potter, nicht in Hogwarts, dem Zauberinternat, obwohl man durchaus das Gefühl hat, hier oder da eine Eule sehen zu können. Jedoch treffen wir höchstens auf den einen oder anderen Pinguin aus Riewerts legendärer Pinguinsammlung, die schon einmal Gegenstand eines seiner Druckwerke war. Was man hier allerdings vergebens sucht, das sind elektronische Bücher, sogenannte E-Books. Diese haben zwar mittlerweile mengenmäßig die Auflagen der Taschenbücher überholt, doch auf das haptische Moment bei der Begegnung mit Büchern wollen die Todes verständlicherweise nicht verzichten.

berlin / tempelhof seit 1973 gibt es hier das antiquariat tode, dudenstr. 36.  foto: die gebrueder tode / rechts riewert, 71 , links harboe thode, 66

Zwei Brüder , Riewert Quedens (li) und Harboe Mini (re) Tode, in ihrem Laden in der Dudenstr., den sie seit September 1973 betreiben. ©Sönke Tollkühn

Das Antiquariat bleibt seinem Wahlspruch „Mit Büchern leben!“ treu. Die Brüder wenden sich gegen den Zeitgeist und fordern ihre Buchfreunde auf, wieder mehr zu flanieren: „Besuchen Sie uns, wandern Sie durch den Viktoriapark über den Kreuzberg in unser vielfach unerschlossenes Bücherparadies mit Katakombe …“

berlin / tempelhof seit 1973 gibt es hier das antiquariat tode, dudenstr. 36.  foto: gebundenen ausgabe  von 1792 in lausanne gebunden - " fables choisies " von j.de la fontane.

In jeder Ecke antiquarische Bücher, aus allen Sach- und vielen Spezialgebieten, z.B. Kunst, Politik, Geschichte, Soziologie und Theologie. ©Sönke Tollkühn

Buch, Kunst und Antiquitäten sowie wechselnde Ausstellungen und Lesungen, das ist das Leben von Riewert und Harboe. Über 70.000 Bücher aus allen Sparten sind im Angebot. Schwerpunkte: Gute Literatur in Erstausgaben, Kunstbücher, Exilliteratur, Judaica, Bücher aus linken Verlagen der Weimarer Republik, sehr alte Bücher (auch Theologie), alte Sozialdemokratie etc.. In den Laden integriert ist die „Kleine Galerie am Kreuzberg“. Geboten werden hier Bilder und Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, alte und neue Grafik, Mappenwerke, Plastiken, Plakate, Flugblätter, Kunstdrucke und Postkarten und vieles andere, was Herz und Geist begehren. Nebenan, in einem extra dafür angemieteten Laden, befindet sich die Werkstatt für Bilderrahmung und Buchrestaurierung.
Riewert ist nicht nur ein guter Buchhändler, sondern auch ein engagierter Verleger. Als begeisterter Liebhaber des Lesbaren gründete er den Verlag „amBEATion“. Hier erscheinen in loser Reihenfolge ambitionierte Buchtitel zu aktuellen Themen. An der von ihm herausgegebenen noch heute (antiquarisch) erhältlichen Anthologie „gegen den Krieg in Vietnam“ (mit 39 Autoren) waren schon damals renommierte Schriftsteller wie Erich Fried, Volker Braun, F-C. Delius und Heiner Müller beteiligt. Bei „amBEATion“ erscheint die Reihe Randlage. Diese Reihe, Kulturkuriosa wie Riewert sie nennt, ist mittlerweile schon bei Heft 45 angelangt.

berlin / tempelhof seit 1973 gibt es hier das antiquariat tode, dudenstr. 36.  foto: die gebrueder riewert, 71 , und harboe thode, 66. die lampe des deutschen michel leuchtet seit ueber 40 jahren

Für jeden ist hier etwas dabei; ob für Hobby-Leser, Sammler und Liebhaber ausgewählter Stücke. Hier ist noch jemand, der Ihnen „heimleuchtet“! ©Sönke Tollkühn

Vor dem Hintergrund sinkender Umsätze und rückläufiger Kundenzahlen haben sich die beiden entschlossen, in die Offensive zu gehen und einen „club der freunde der wandernden bücher“ gegründet. Sie laden herzlich zur Teilnahme ein. Die Regeln sind einfach: Jedes Mitglied überweist per Dauerauftrag zum 1. eines Monats einen festen Betrag, ab 5,00 € (Beiträge nach oben offen) auf das Sonder-Konto: DE18100100100157836106 von Riewert Tode bei der Postbank Berlin.
Das Guthaben kann jederzeit in Form von Büchern, Bildern oder Grafiken abgeholt werden. Jedes Mitglied erhält auf alle Bücher und Bilder in Höhe der angesparten Summe einen Rabatt von 25% (ausgenommen Kommissionsware). Ich mache bei dem Aufruf den Anfang und schicke meinen Dauerauftrag noch heute ab. Es wäre schön, wenn die Anzahl der „freunde der wandernden bücher“, die die Todes unterstützen, vervielfacht werden könnte.  vielen Jahren veranstaltete der Winzer Korfmann aus Rheinhessen, in einer Zehlendorfer Villa regelmäßig Weinproben. Als die Villa nicht mehr verfügbar war, erklärten sich die Tode-Brüder bereit, die Weinproben künftig in ihrem Antiquariat stattfinden zu lassen. Zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, gibt es nunmehr schon in der zweiten Generation die Korfmannschen Weinproben. Begonnen wird die Probe traditionell mit einer skurrilen, von Riewert Tode vorgetragenen Geschichte Kurt Kusenbergs. Verkostet werden etwa zwanzig Weine und Brände, jeweils von einem literarischen Trinkspruch Achim Korfmanns begleitet. In der Pause wird ein Imbiss mit Brot und Dosenwurst aus Rheinhessen gereicht.
Antiquariat, Kunst und Bilder, nette Menschen, dazu die exzellenten Weinproben in dieser tollen Umgebung – hier stimmt alles! Ein Besuch lohnt immer. Viel Vergnügen wünscht Karl-Heinz Kronauer.

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4 Kommentare zu In aller Ruhe stöbern im Antiquariat Tode

  1. Tomtom sagt:

    Bücher sind etwas wunderbares. Wie sehr ich es doch immer wieder genieße, in den alten Buchläden meiner Großstadt zu stöbern und zu entdecken und manchmal auch Titel zu entstauben. Es zeigt mir dann immer wieder auf schmerzliche Weise, wie wenig Menschen sich heute noch für das alte gedruckte Wort interessieren. Derweil kann man die Welt der alten Folianten nur empfehlen, sie sind Seelentröster, Traumflüchter und repräsentative Freunde. Selber verfüge ich über ein riesige Büchersammlung von 2.500 Werken und liebe es, wenn ich an einem verregneten Nachmittag stundenlang in den Werken blättere und sinniere.

  2. Heiner Kaiser sagt:

    Liebe Tode-Brüder,
    ich finde es ganz großartig, was Ihr da in Berlin offenbar schon sehr lange macht! Ich wünsche Euch weiter Erfolg und Freude dabei!
    Lieber Harboe,
    es war eine sehr große Freude, nach vielen Jahrzehnten zufällig (wieder) auf Deine Spur zu stoßen!
    Heiner Kaiser
    Harsefeld/Krs. Stade – nicht weit von Hamburg
    in Erinnerung an Koppelsberg/Plön 1965
    heiner.h.kaiser@web.de

  3. Lutz oehlke sagt:

    Hi Mini,
    Habe zufällig einen Artikel über dich im Netz gefunden. Super das du immer noch mit deinem Bruder das Geschäft betreibst.Hatte dich ja mal vor etwa 20 Jahren kurz dort besucht.
    Es grüßt herzlich Lutz Oehlke aus Norderstedt
    Ex Glaser

  4. Ich hab da in der Nähe meine ersten 22 Lebenjahre verbracht, war einer der ersten Besucher der öffentlichen Bibliothek, mein Vater druckte Bücher nebenan bei Büxenstein (mit den von dort mitgebrachten Büchern von Kästner und Hugh Lofting hab ich als Fünfjähriger lesen gelernt) …und ich war oft auf dem Kreuzberg spielen.
    Ich bin jetzt, 50 Jahre danach immer noch eifriger Leser und war erst einmal bei bei beiden Brüdern mit den seltenen Vornamen im Laden; ich fühlte moch „zuhause“.
    Leider wohne ich schon seit geraumer Zeit zu weit weg, um den Besuch öfter zu wiederholen.
    Ich bin froh, dass es diese Buchhandlung (und noch seinige andere) immer noch gibt.

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