Künstler in Tempelhof: Wolfgang Wende

„Die Szene brauche ich nicht mehr“

Aufgeklappte Paraphrase der Plastination eines extraordinären Exhibitionisten©Wolfgang Wende

Aufgeklappte Paraphrase der Plastination eines extraordinären Exhibitionisten©Wolfgang Wende

Normalerweise siedeln sich Künstler gern dort an, wo schon an- dere ihrer Art sind; dort bilden sie dann Cluster, Gruppen, Netzwerke. In Tempelhof, kein Szenebezirk, leben und arbeiten sie hingegen verstreut, hinter bürgerlichen Fassaden. Und doch hat der Maler Wolfgang Wende einen Standort gefunden, an den er sich gut andocken konnte: Aus seinem Fenster schaut er direkt auf die ufaFabrik, eine ja immer noch hochaktive kulturelle Institution im Bezirk. Erster Eindruck in Wendes Domizil: Hier sind Leben und Arbeiten eins. Zwischen Bücherwand, Bett und Schreibtisch findet die Malerei statt. Ungewöhnlich ist diese räumliche Verquickung, aber der Künst- ler liefert eine einleuchtende Erklärung: „Ich brauche den Dialog mit den Arbeiten. Wenn ein Bild lange genug an der Wand hängt, dann spricht es zu mir und sagt mir, was es will.“
Die Bilder Wendes, der ohne die Zurechtformung durch eine Akade- mie zur Kunst gefunden hat, entstehen mithilfe vielfältiger Methoden und Materialien. Tusche, Acryl, Buntstifte kommen auf Leinwand und Papier zum Einsatz; Flächen stehen neben Linien und farblichen Ver- krustungen. Unterschiedlichste Formen, in denen man Gegenständli- ches zu erkennen glaubt, fügen sich collageartig aneinander. Schich- ten, bei denen das Alte unter dem Neueren noch durchschimmert überlagern sich. Mit ihrer starken farbräumlichen Wirkung springen einen manche Arbeiten geradezu an. Der Hang des Künstlers zum Experiment, zum offenen Fortgang eines Bildes ist offensichtlich und wird von ihm auch bestätigt. „Ich versuche das Bild so lange wie möglich offen zu halten. Es geht mir um den Prozess des Malens mehr als um das Ergebnis; das fertige Bild ist dann Zeugnis davon.“
Gern gießt Wende auch Farben auf die Leinwand, die dann ge- schwenkt wird, um Zufallsformen entstehen zu lassen, mit denen er dann weiterarbeitet. Immer wieder lautet das künstlerische Credo:
„Anfängergeist und frischen Blick bewahren, keine Routine.“ Manche der gestisch-direkt bearbeiteten Leinwände rufen die Erinnerung an die Bilder des Franzosen Jean Dubuffet (1901 – 1985) wach. Dieser prägte den Begriff „art brut“ (übersetzt „rohe, unverbildete Kunst“; gemeint war die antiakademische Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern wie Psychiatrie- und Gefängnisinsassen oder Behinderten), sammelte diese und schuf selbst entsprechende Werke. Wende leugnet die Verwandtschaft nicht: „Ich fühle mich dem schon nahe.“
Das Schaffen von Bildräumen, in denen die Phantasie des Betrach- ters sich entfalten kann, ist das eine. Hinzu kommen die Titel, mit denen Wolfgang Wende noch weitere Assoziationsräume öffnen will. Zeilen wie „Als ich einmal einen Ausflug ins Blaue machte“ wirken für sich schon bildhaft. Im besten Fall bilden Bild und Titel eine Einheit. In jungen Jahren war Wende als Schriftsteller unterwegs, studierte Philosophie und Germanistik. Den Traum vom großen Roman verabschiedete er irgendwann, aber auf dem Umweg über die Malerei, hat er das Schreiben in letzter Zeit wieder in seine künstlerische Arbeit hereingeholt. Er verfasst längere Texte zu seinen Werken, die den Entstehungsprozess widerspiegeln, die Bildinhalte aber auch poetisch fortspinnen. Ursprünglich waren diese als Service für neugierige Käufer gedacht, die mehr über die Bildentstehung wissen wollten; nun genießt Wende damit auch seine Lust am Fabulieren. Bei einer der letzten Ausstellungen verband er dann die Vernissage mit einer Lesung seiner Texte; das Publikum war begeistert.

Als ich einmal einen Ausflug ins Blaue machte©Wolfgang Wende

Als ich einmal einen Ausflug ins Blaue machte©Wolfgang Wende

Ebenfalls eine neuere Facette seiner Arbeit: Er nutzt die durchsichtigen Plastikschalen, in denen im Supermarkt Obst und Gemüse verkauft werden, als Druckstock. Selbst ein solcher industrieller Wegwerfartikel hat Formqualitäten, aus denen ein Künstler etwas machen kann. Die Unterseite der Behälter sind nämlich jeweils unterschiedlich strukturiert; Wende färbt die Grate, Noppen oder Kreise ein und druckt daraus Monotypien. Zurzeit experimentiert er außerdem mit Gießmasse, indem er die Schalen damit ausgießt, dann den Guss davon löst und so Objekte erhält, die er wiederum bemalt.
Zuletzt die Frage: Wieso Tempelhof? Wie so viele (lebens-)künstle- risch Ambitionierte war Wende, aus Solingen stammend, in den Sieb- zigern zunächst im Szenebezirk Kreuzberg angelandet und wollte dort auch nicht weg. Im ruhigen Teil der Bergmannstraße, gegenüber den Friedhöfen, wohnte es sich gut. Bis sich eine der leider üblichen Geschichten abspielte: Die Wohnungen wurden von den Eigentümern einzeln verkauft, dabei zunächst den Mietern angeboten: Wenn diese sie sich nicht leisten konnten, mussten sie sehen, wo sie blieben. Erst zog Wende nach Neukölln, doch Kampfhunde- und Alkoholikerdichte waren ihm dort zu hoch. In Tempelhof gab es eine passend große Wohnung für eine bezahlbare Miete; dazu Ruhe, eine prima Verkehrsanbindung. Nun entfaltet Wolfgang Wende hier seit acht Jahren sein künstlerisches Werk. Auf seiner Webseite finden sich die aktuellen Ausstellungen, viele Bilder und weiterführende Links zu Verkaufsplattformen im Internet, die seine Bilder zeigen und anbieten. Christoph Schröder

Info: www.wolfgangwende.de

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