Kolumnen

Marke SchröderAnmerkungen zu den Wahlen

An Missständen und ungelösten Problemen herrscht in Tempelhof und Berlin kein Mangel. Hieraus ergeben sich Aufträge an die Politik. Eine Auswahl.
Verkehr: Den Tempelhofer Damm wünschen wir uns alle anders. Das letzte (verkehrspolitische) Wort hat hier zwar der Bund – was den Bezirk aber nicht hindern muss, in wichtigen Details aktiv zu werden. Da wäre z.B. die westliche Seite der Kreuzung mit der Kaiserin-Augusta-Straße. Wer dort an der Ampel wartet, erlebt die Kolosse von LKWs beinahe hautnah. Zentimeter vom Bordstein entfernt donnern sie vorbei. Es gibt keinen Sicherheitsabstand. Ein Fehltritt genügt. Muss erst ein Mensch totgefahren werden, damit die lebensgefährliche Stelle entschärft wird?
Kultur: Im Zentrum von Tempelhof gibt es hier nur die Ufa-Fabrik. 200 000 Einwohner und nicht ein Kino! Die Galerie im Rathaus ist ein trostloser, kaum beachteter Ort ohne künstlerisches Flair. Warum wird er nicht aufgewertet, etwa mit einem Begleitprogramm? Wo bleibt hier das bezirkliche Engagement?
Schule: „Lotto spielen kann süchtig machen“, das wissen wir alle dank der fürsorglichen Plakate von Lotto Berlin. Auf das Schulplatzlotto trifft das eher nicht zu. Wer es nicht kennt: Ein Drittel der Plätze an Berlins Oberschulen wird verlost. Was ist das anderes als eine Bankrotterklärung der Politik; eine Absage an jeglichen Gestaltungswillen, eine zynisch anmutende Auffassung von Chancengleichheit? Es gäbe ja viele andere Möglichkeiten; zum Beispiel Aufnahmeprüfungen. Im Übrigen hätten unsere Kinder gern menschenwürdige Schultoiletten. Man fragt sich schon, wie es passieren konnte, dass Politik und Verwaltung viele Schulen jahrzehntelang derartig haben vergammeln lassen.
Tempelhofer Feld: Es war ein erschreckender und zugleich erhellender Moment, als im Januar CDU und SPD in großkoalitionärer Eintracht das Tempelhof-Gesetz änderten. Um Flüchtlingsunterkünfte auf dem Feld zu errichten; die Befürchtung, dass durch die Hintertür dauerhafte Bebauung ermöglicht werden soll, steht im Raum. Der Volksentscheid zur Nichtbebauung, dem 700 000 Berliner zugestimmt hatten, wurde kaltschnäuzig beiseite gewischt. So handeln also „Volksvertreter“ und „Volksparteien“.
Kein Wunder, dass die Kluft zwischen den ehemals großen (nun 20-Prozent-) Parteien und der Bevölkerung so gewaltig geworden ist. Andere besetzen diese Lücke – bald auch parlamentarisch. Auf den 18. September darf man gespannt sein.

 

Borchardt_MarkeWie man Wirt wird

Da gehen sie hin! Ach – die haben es gut…“, seufzt meine Kollegin, den leider noch weit entfernten Urlaub im Hinterkopf, und schaut sehnsuchtsvoll dem lachenden und  über die bevorstehenden Ferien schwatzenden Trupp Schulkindern nach, der gerade mit seiner Klassenlehrerin die Apotheke verlässt. Bald werden sie sich in alle Urlaubswinde zerstreuen – Bali, Baabe ,  Balkonien….
Wenn sich dann alle im September rot- oder braungebrutzelt im Klassenzimmer wiedersehen und kichernd Kopf an Kopf über den Smartphones hocken, werden allerdings nicht nur Urlaubsbilder  ausgetauscht. Auch so manch anderes Souvenir wie die Kopflaus wechselt dort, wo viele Menschen längere Zeit  nah zusammensitzen, den Wohnort. Sie sucht  sich dort ein schönes Plätzchen, wo der Mensch die größte Wärme abstrahlt und der Weg zum nächsten Zapfhahn, den Blutgefäßen, nur kurz ist – nämlich am Kopf. Dabei ist es ihr völlig schnuppe, ob der nach  teurem Rosenshampoo oder vier Wochen altem Fett riecht … Sie stärkt sich alle 2 bis 4 Stunden bei ihrem Wirt – und zwar mit einer kräftigenden Blutmahlzeit.  Als treusorgende Mutter legt sie im Laufe ihres vier Wochen langen Lebens ca. 150 Eier, die sorgsam geschützt in Kapselform (Nissen genannt), an den Haarschaft gekittet werden. Doch so nett dieser Trinkerverein auch sein mag – mancher Wirt will nicht jeden Gast bedienen. Aus dem Haus mit der Laus, heißt es dann, und als erstes gilt: Entfernen vom Zapfhahn – mithilfe von Spezialshampoos, Sprays und Kämmen. Ohne regelmäßige Mahlzeiten bleibt die Laus auf der (Durst-) Strecke und kann nur maximal 3 Tage überleben. Und damit ihrer Nachkommenschaft eine Karriere als Wirtshauskind erspart bleibt, müssen die Nissen herausgepusselt  und nach 7- 10 Tagen noch einmal nachbehandelt werden. Doch wie heißt es bei Demokrit:  „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“
Und übrigens: Lausbefall ist keine Sache von mangelnder Hygiene – eher ein Zeichen für besonders viele herzliche Sozialkontakte …

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