Kolumnen

Marke_StutzkyIm Dschungel der Großstadt

Dr. Ulrike Stutzky

Schätzungen besagen, dass unsere Hauptstadt die artenreichste Großstadt weltweit ist: Wildschweine, Waschbären und Falken, sie alle lassen sich hier nieder, und Tempelhof bleibt dabei nicht außen vor. Schon 2015 berichtete der RBB, dass Lichtenrade eine Hochburg für Füchse ist. In Marienfelde wird Freund Reinecke ebenfalls gesichtet – wie auch Kröten, Frösche und Eidechsen. Landflucht ist auch für den animalischen Teil der brandenburgischen Dorfjugend im brandenburgischen Umland eine Option – immer mehr Tiere wandern über die Stadtgrenzen zu uns.

Tempelhofer Kinder fahren auf alles Tierische ab. Im Naturschutzpark Marienfelde hören jedes Jahr Hunderte Kiddies begeistert dem Ranger Björn Lindner zu, wenn er über Amphibien, Insekten und Nager erzählt. Der Kinderbauernhof der ufa-Fabrik zieht regelmäßig Kita-Gruppen, Schulklassen und junge Familien magnetisch an – ebenso wie das Damhirschgehege im Franckepark und der Berührungsstall von Bauer Lehmann in Alt-Marienfelde.

Staunende Kinder stehen regelmäßig vor den Gehegen mit Hirschen, Schafen und Eseln , ein jedes zückt sein Handy und fotografiert die geduldigen Tiere. Das Versprechen, diese sensationellen Aufnahmen zu Hause sofort ins Internet stellen – auch wenn der Fokus meist nur die Zaunmaschen scharf gestellt hat – ist Indiz genug dafür, dass diese Begegnungen mit der Natur enorm aufregend sind. Und jeder, der schon einmal einen neunährigen Großstadtjungen dabei beobachtet hat, wie dieser zum ersten Mal eine Ziege streichelt und zaghaft ihre Hörner berührt, weiß, welch ein großartiges Erlebnis das für das Kind ist.

Kinder fassen schnell Vertrauen zu Tieren. Beide sind ungezwungen und ursprünglich, haben Zeit und geben sich ihren Gefühlen und Bedürfnissen hin – Eigenschaften, die viele Kinder bei Eltern und Lehrern oft vermissen. Schaf, Esel und Co. lehren Empathie und Respekt vor dem Lebewesen, aber kleine wie große Tempelhofer schätzen an ihnen vor allem ein gutes Stück Naturerfahrung innerhalb der Großstadt. Also freuen wir uns auch weiterhin über die tierischen Tempelhofer – Alteingesessene und Hinzugezogene.

 

Borchardt_MarkeBloody Mary

Heike Borchardt

Tiere in der Apotheke bringen Abwechslung mit sich. Sie kommen mal als Patient, der Medikamente benötigt, mal nur als Begleitung von Kunden. Wir hatten schon Frettchen, Meerschweinchen, Katzen und natürlich Hunde zu Besuch. Von denen kommt mancher auch aus eigenem Antrieb, zieht ein unwilliges Frauchen oder Herrchen hinter sich her, das eigentlich gar nicht in die Apotheke wollte und steht dann schwanzwedelnd und mit treuherzigem Blick vor der Schublade mit den Leckerlis. Mancher lässt sich in den heißen Sommermonaten auch gar nicht mehr erweichen, die Apotheke wieder zu verlassen, da man sich hier ja so schön das Bäuchlein auf den klimatisierten Bodenfliesen kühlen kann – da muss ab und an mal der Mops vom Personal von hinten ange-schoben werden …

Auch Blutegelbestellungen für Heilpraktiker oder mutige Kunden nehmen wir an. Diese Unterart der Ringelwürmer lebt in Freiland oder Zucht in Süßwassergewässern. Hier wartet der Egel im Schlamm geduldig auf Frösche, Fische oder unbestiefelte Anglerbeine – bevorzugt werden gern rasierte!! Sehr elegant, mit einer dekorativen Rückenzeichnung wie das Muster einer altenglischen Herrensocke schlängelt er sich heran, saugt sich an seinem Opfer fest und fängt an, wild rumzuknutschen. Sehr zart geht’s dabei nicht zu: seine drei Kiefern sind mit vielen kleinen Zähnchen bewehrt, und ein gerinnungs- und entzündungshemmender Stoff aus seinen Speicheldrüsen, das medizinisch genutzte Hirudin, verhindert, dass sich die so entstehende Wunde schließen kann. Danach ist er so satt, dass er abfällt und mit dicker Plautze erstmal die nächsten 12 bis 15 Monate vollkommen mit Verdauen beschäftigt ist.

Letzte Woche drang ein angstvoller Schrei aus der Rezeptur: „Hilfe! Er haut ab!“ Vier völlig erschöpfte Blutegel mussten in ein Glas mit frischem Wasser umgesetzt werden – und eine zweitägige Reise mit der Post in einer engen Petrischale macht halt ziemlich ungehalten – und sehr hungrig …

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