Viel Bewegung rund ums Rad

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Fahrradhauptstadt Berlin

Es ist unübersehbar, wie populär Radfahren in Berlin geworden ist – während der motorisierte Individualverkehr der Hauptstadt allmählich ans Limit kommt. Das neue Radwegegesetz, das dieser Tage von Initiativen und Behörden erarbeitet wird, trägt dem Rechnung. Radschnellwege, Haupt- und Ergänzungsroutennetz, geschützte Radstreifen – man darf gespannt sein, ob auch für Tempelhof etwas dabei herauskommt; z.B. für den vom KFZ- und LKW-Verkehr gequälten und auf weiten Strecken noch immer nicht mit einem Radweg ausgestatteten Tempelhofer und Mariendorfer Damm.

„Das Fahrrad hat schon eine große Zukunft“

Im Gespräch mit Heinrich Riebold von Heinrichs Fahrradladen

Kaiserin-Augusta-/Ecke Theodorstraße befindet sich das Fahrradgeschäft von Heinrich Riebold. Morgens um Zehn bin ich mit dem Inhaber verabredet; der Alltagsbetrieb läuft gerade an. Neuräder werden vor dem Laden platziert, Azubi und Praktikant haben alle Hände voll zu tun. Ich schaue mich um: Niedrige Decke, gerade mal 100 Quadratmeter Ladenfläche vollgepackt mit Regalen, Ersatzteilen, Rädern;  die Werkstatt ist in einem kleinen Hinterraum. Wenig Platz, dafür viel Leidenschaft, Sachverstand, Einsatz – dies der erste Eindruck.

tempelhofer journal: Heinrich, fangen wir mal mit dir selbst an. Du bist Fahrradhändler und Fahrradmechaniker, hast du das gelernt? 

Heinrich Riebold: Ich bin Quereinsteiger. Eigentlich habe ich Elektro​mechaniker gelernt; vor 33 Jahren bin ich aber schon zum Fahrrad gekommen. Früher habe ich als Angestellter in einigen anderen Läden gearbeitet. Aufgrund meiner langen Erfahrung darf ich auch ausbilden.

tj: Und wie lange hast du deinen Laden hier schon?

HR: 20 Jahre. Mittlerweile haben wir drei andere Betriebe hier im Kiez schon überlebt. Der Trend geht eindeutig zu großen Läden.

tj: Was stellst du dem als Konzept entgegen?

HR: Service, Kundenbindung! Wir geben zum Beispiel 20 Prozent Rabatt auf alle Werkstattdienstleistungen für Räder, die bei uns gekauft wurden. Gilt auch für Altkunden, früher gekaufte Räder.

tj: Wie ist denn das Verhältnis beim Umsatz zwischen Verkauf und Reparatur?

HR: Der Verkauf macht noch immer über 50 Prozent aus, der Service nimmt aber zu.

tj: Und was ist da so das häufigste, womit ihr im Service zu tun habt?

HR: Der häufigste Defekt sind Platten. Da setzen wir neue Schläuche ein und gucken auch nach der Ursache. Viele scheuern den Schlauch kaputt, weil sie zu wenig Druck auf den Reifen haben.

tj: Was sollte ich checken, wenn ich jetzt zur Saison mein Rad aus dem Keller hole?

HR: Luft aufpumpen natürlich, wir haben hier draußen vor der Tür übrigens Pressluft. Dann die Kettenspannung prüfen, die Kette ölen. Schauen, ob Bremsen und Licht in Ordnung sind. Das Licht ist nicht für die Polizei da, sondern für einen selbst.

tj: Verstanden. Was fährst du übrigens selbst für ein Rad?

HR: Ich fahre meistens mit diesem kleinen E-Bike. Seit ich das habe, fahre ich drei Mal mehr als früher. Auch Zwischenstrecken, die ich früher mit der S-Bahn gemacht habe, fahre ich jetzt mit dem Pedelec.

Heinrich Riebold vor seinem Fahrradladen mit dem kompakten Elektrofahrrad © Dominik Flügel

tj: Das sieht aus wie ein Klapprad …

HR: Das ist ein Kompaktrad mit Trapezrahmen. Durch die kleinen Räder nimmt es weniger Platz ein, ist aber genauso schnell wie ein größeres. Es hat breite Bereifung, da kann ich auch mal mit in den Grunewald. Das ist ein geniales Berlinrad!

tj: Nutzen diese Akkus sich eigentlich ab? 

HR: Die reichen für ca. 1000 Ladungen. Mit einer Ladung komme ich hier in Berlin ungefähr 100 km weit.

tj: Da bin ich beruhigt, das reicht ja eine Weile. Was hast du so für Kunden? Kannst du das irgendwie typisieren?

HR: Wir haben früher viele ältere Kunden gehabt. In der Zwischenzeit wird Tempelhof wieder jünger, jetzt haben wir auch wieder mehr jüngere Kunden. Da müssen wir uns drauf einstellen.

tj: Zum Beispiel wie?

HR: Die jungen Leute wollen Räder, an denen nichts dran ist. Kein Schutzblech, kein Rücktritt, keine Gangschaltung.

tj: Tatsächlich? Ist das jetzt Mode?

HR: Heute kann man von Moden eigentlich nicht mehr reden. Es ist alles möglich im Fahrradbereich. Es gibt Dreiräder, es gibt Lastenräder, es gibt reine Sporträder in 1000 Ausführungen. Die Akkus für die E-Bikes werden kleiner, werden jetzt teilweise im Rahmen verbaut. Die Vielseitigkeit wächst sogar noch rapide. Also, das Fahrrad hat schon eine große Zukunft.

tj: Was hältst du von den Bemühungen des Senats, die Bedingungen für Radfahren in Berlin zu verbessern?

HR: Auf dem richtigen Weg. Radschnellwege, Nebenroutenkonzepte, um die Hauptstraßen zu meiden. Ich hoffe, dass die Verkehrswege für Radfahrer generell besser werden. Bloß die Umsetzung darf man sich nicht zu schnell vorstellen, das dauert noch Jahre.

tj: Zum Abschluss: Was würdest du den Berliner Radfahrern gern als Tipp mitgeben?

HR: 1,50 m Abstand von parkenden Autos einhalten. Mir passiert es fast jeden Tag, dass überraschend irgendwo eine Autotür aufgeht. Und dann ein besseres Miteinander. Ich lasse auch gern mal ein Auto vor, dann ist der mit seinen Abgasen weg und ich habe meine Ruhe. Interview Christoph Schröder

Fakten und Zahlen

88.122 Radlerinnen und Radler sind zwischen Anfang Januar und Ende April am Mariendorfer Damm unterwegs gewesen. Im April wurden an manchen Tagen mehr als 1.500 Fahrräder gezählt. Erfasst werden die Daten automatisch und rund um die Uhr von der Fahrradzählstelle an der B96, Ecke Friedensstraße.

Ob Rennrad oder Stadtrad, nur mal kurz oder den ganzen Tag, mit Höhe oder einfach nur gerade zu – Radeltage sind die schönsten Tage. Die 11 schönsten Fahrradtouren durch und um Berlin hat das Onlineportal Mit Vergnügen zusammengestellt. Ganz einfach kann man sich seine Touren auch selbst zusammenstellen, z.B. mit dem Routenplaner BBBike. 0 Euro kostet die Fahrradmitnahmen im ÖNPV für alle, die ein Schüler- oder Azubiticket haben.

Im Herbst 2017 geht das bundesweit erste Radgesetz in Berlin an den Start: Von 13 auf 30 Prozent steigen soll der Radverkehrsanteil, d.h. die Zahl der Wege, die mit dem Rad zurückgelegt werden. Geplant sind 100 Kilometer Radschnellwege sowie 100.000 zusätzliche Radabstellplätze. 2 Meter breit sollen die Fahrstreifen für Radler werden, damit diese sich auch überholen können. Für diese und weitere Maßnahmen hat der Senat 51 Millionen Euro eingeplant. Bauliche Maßnahmen für mehr Sicherheit sind dringend nötig; denn im vergangenen Jahr starben 17 Radler im Straßenverkehr, dies ist die höchste Zahl seit zwölf Jahren.

Und wer es musikalisch mag, dem sei das Lied „Rennrad“ empfohlen. Für einen Mann mit einem solchen Rad würde die Berliner Sängerin Dota die Blumen wegwerfen und die Katze verschenken, um mit ihm aufzubrechen.

Weitere Informationen

Radzählungen, Info: www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/lenkung/vlb/de/karte.shtml

Radverkehr in Tempelhof-Schöneberg-ADFC Berlin,

Info: www.adfc-berlin.de/radverkehr/aus-den-bezirken/tempelhof.html

Radtouren, Info: mitvergnuegen.com/2015/11-schoene-radtouren-durch-und-um-berlin

www.berlin.de/special/fahrrad/radrouten/

www.berlin.de/tourismus/fahrradtouren/

Routenplaner, Info: www.bbbike.org/Berlin/

Volksentscheid Fahrrad, Info: www.volksentscheid-fahrrad.de

Rennrad-Song von Dota, Info: www.kleingeldprinzessin.de

Zusammenstellung: Katrin Schwahlen

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