Kolumne

Wahlkampfshow und politischer Alltag

Kurz vor der Bundestagswahl hat sich beinahe die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger noch für keine der Parteien entschieden. Könnte also spannend werden, sollte man meinen. Nur ist von Wahlfieber nirgends etwas zu spüren.

Allerorten begegnet man politischem Frust und Parteienverdrossenheit. Ein großer Teil des Wahlvolkes meint keinen Unterschied zwischen den Parteien zu erkennen. Der Grundtenor ist: „Wahlen ändern nichts.“

Dabei kann man den Politikern zwar sicher Einiges vorwerfen, Untätigkeit in Zeiten des Wahlkampfes aber nicht. Überall tauchen sie auf, auf Plakaten und an Infoständen, in Talkshows und den sozialen Netzwerken. Trotzdem gelingt es Merkel, Schulz und Co. nicht, die Massen zu überzeugen, geschweige denn zu begeistern. Nirgends ist ein Obama in Sicht, kein Macron wird wie ein Superstar gefeiert. Stattdessen Langeweile.

Mit provokanten Dreistigkeiten, publikumswirksamen Selbstzerfleischungen und gestylten Spitzenkandidaten versuchen die kleinen Parteien zwar noch etwas Show zu machen, aber auch sie schaffen es nicht, mit politischen Ideen zu begeistern. Schlagworte werden aneinandergereiht, Binsenweisheiten ausposaunt, und über allem thronen die altbekannten Gesichter.

Wer jedoch von dieser Substanzlosigkeit des Wahlkampfes Rückschlüsse auf die Inhalte der Parteien ziehen will, verkennt Sinn und Zweck der Veranstaltung. So wenig wie Bonbonwerbung etwas mit seriöser Ernährungsberatung zu tun hat, so wenig hat Wahlkampf mit dem alltäglichen, oft zähen politischen Geschäft zu tun. Wahlkampf ist eine Tradition, mit der keine Partei brechen will. Wahlkampf gehört zu den Wahlen wie Sahne auf den Pflaumenkuchen. Sein Unterhaltungswert reicht jedoch nicht an den der Realityshows und Daily Soaps heran.

Vor allem aber sind Wahlkampf und politischer Alltag nicht identisch. Politik ist mehr als Talkshow-Auftritte, deutschnationale Bikinimädchen und flotte Sprüche. Oft ist Politik öde, kompliziert, unerfreulich, sie kann aber auch spannend und existenziell sein. Und Politik findet immer statt, auch wenn all die Wahlkampfplakate bereits eingestampft sind …

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