Tempelhofer Temperamente: Günter Wagler

Ein Meisterstück von Waglers Großvater Theodor: feinste Handarbeit, die mehr als 100 Jahre alt ist ©Katrin Schwahlen

Am Anfang war der Knoten

Troddel??? Günter Wagler guckt mich mit einem Ausdruck an, der zwischen ungehalten, ungläubig und ungeduldig liegt. So, als habe habe er es schon hundertmal erklärt: Das ist eine Quaste, keine Troddel. Er muss es wissen, denn er ist Berlins letzter Posamentierermeister und mit dieser Quaste in seinem Element.

Es ist einer der Sommertage 2017, an dem es mal nicht regnet. Wir sitzen im Garten der Familie Wagler mitten in Neu-Tempelhof. Eine grüne Idylle mit Teich und Hollywoodschaukel in einer Siedlung, die zu den begehrtesten Wohnlagen des Bezirks gehört.

Die blaue Quaste: Knoten für Knoten feine Seide in edle Farben ©Marlies Königsberg

Günter Wagler ist braungebrannt, hat schlohweiße Haare, eine rote Brille und ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. 1940 in Tempelhof geboren, wuchs er hier auf und lebt bis heute im Kiez. Von hier aus ist er schon als 16-Jähriger mit dem Rad in die Zossener Straße gefahren, wo sein Vater die Posamentierwarenfabrik betrieb.

Knoten, knüpfen, kleben

Posamenten – was ist das? Das Wort stammt von dem französischen passement ab und bedeutet ein textiles Schmuckstück ohne eigene Funktion, dafür aber sehr dekorativ.

Das können Borten sein oder Kordeln, Quasten, Fransen, Raffhalter, Schabracken und vieles, vieles mehr.

Schon die alten Ägypter haben Posamenten hergestellt – damals natürlich mit der Hand und kleinen Werkzeugen. So wie Andreas Wagler, der schon 1662 als Erster der Familie den Beruf des Posamentierers ausübt.

Sein Nachfahre Theodor Kurt kommt als Handwerksbursche aus Sachsen nach Berlin und gründet dort 1884 seine Posamentierwarenfabrik in der Neuen Brunnenstraße. Damals kommen Monarchie, Adel und Militär nicht ohne schmucke Besatzstücke aus, und die gute Bürgerlichkeit zeigt mit Fransen, Quasten, Gardinen und Wandbespannungen, was sie sich leisten kann.

Wagler hat mit seinen Waren großen Erfolg und wird 1910 zum kaiserlich-königlichen Hoflieferanten ernannt.

Feinste Farben, schönste Muster

Seinen Großvater habe er zwar nicht gekannt, erzählt Günter Wagler, aber wie der Opa habe auch er sich schon früh für die Fertigung von Posamenten interessiert. „Zu meinen Schulzeiten war es ja üblich, dass man sonnabends noch arbeitete. Da bin ich als Schüler oft mit meinem Vater in die Firma mitgegangen. Mich hat erstmal das Handwerkliche interessiert. Und dann diese unterschiedlichen Materialien: Leinen, Kunstseide, Baumwolle, ein riesiges Farbenpotenzial. Und diese Kreativität, dass die Leute immer wieder neue Muster erfunden haben oder vorgegebene restaurieren mussten. Keiner hat gesagt „Du musst“, also wirklich keiner. Es hat sich so aus eigenen Stücken ergeben.“

Die Waglers: Seit Jahrhunderten Posamentierer ©Katrin Schwahlen

Gelernt hat Wagler in der väterlichen Firma. „Niemand anders wollte mich. Es gab ja in den 1950er-Jahren nur wenige Posamentiererbetriebe in Deutschland. Und alle kannten den alten Wagler und seine Arbeit. Und deswegen wussten auch alle, dass der junge Wagler nach seiner Ausbildung nach Berlin zurückkehren würde und sie damit einen begabten Gesellen verlören.“

Und so bleibt Günter als Lehrling in Berlin, wird Geselle und macht mit 22 Jahren seinen Meister. Bis 2006 wird er mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eigene Kreationen entwickeln und Kundenwünsche umsetzen.

In seiner Werkstatt stehen Bandwebstühle, Häkel-Gallon-Maschinen, Plattier- und Spinnmaschinen, Flecht- und Wirkmaschinen. Die Aufträge kommen von überall: Chicago, Madrid, aber auch aus Berlin und Umgebung. Wagler stattet das Schloss in Babelsberg ebenso aus wie das Renaissancetheater in Charlottenburg. Für Privatkunden stellt er Kordeln und Seile her, produziert Raffhalter farblich passend zum Gardinenstoff oder Bordüren. Doch mit der Jahrtausendwende ändert sich auch das deutsche Einrichtungsbewusstsein. Bedeuteten Posamenten Behaglichkeit, Wärme und Wohnlichkeit, stehen die Zeichen der Zeit jetzt auf minimalistisch und schnörkellos. Wagler sieht es gelassen: „So sind Moden, sie kommen und gehen. Der Interieurgeschmack ändert sich eben. Gucken Sie mal heute in einen Möbelkatalog, Sie werden nichts finden, wo eine Franse die Möbelfüße verdeckt. Davon haben wir damals Kilometer gemacht.“

Weben und Drehen

Das Posamentiererhandwerk ist anstrengend, auch wenn Maschinen eingesetzt werden. Männer sind zuständig für die gröberen Arbeiten, z.B. für die Herstellung von Kordeln. „Eine Kunde hat uns mal einen Stoff geschickt und wollte dafür 70 Meter farblich passende Kordel. Das ist zu wenig für eine industrielle Fertigung, aber wir als kleiner Handwerksbetrieb konnten das. Da war der Mitarbeiter aber den ganzen Tag auf den Beinen, ist hin- und hergerannt in dem 20-Meter-Raum und hat die Kordeln angedreht.“ Auch Seile sind fest in Männerhand. „Wenn Sie zum Beispiel ein Absperrseil machen, so dick (Wagler zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen ungefähr fünf Zentimeter großen Kreis), dann entsteht das durch Drehung und Gegendrehung. Und je dicker es ist, desto anstrengender wird das.“

Frauen waren für die feineren Arbeiten verantwortlich, z.B. Webereien. „Da müssen sie mit der Hand immer die Schiffchen durch das Gewebe schießen und dabei die Maschine treten. Das ist schon auch mit körperlichem Einsatz verbunden. Und die Frauen, die die Quasten produzieren, arbeiten den ganzen Tag hochkonzentriert, wenn sie flechten, kleben und wickeln.“

Kaiserlich-königliche Quaste für irdische Bedürfnisse

Schimmerndes Blau, goldene Seidenknoten, fein gedrehte Kordeln, feinziselierte Stickereien, rund 30 Zentimeter lang – diese Quaste ist etwas ganz Besonderes. Und hat eine ganz besondere Geschichte, erzählt Günter Wagler. „Sie gehörte zu einem Himmelbett mit vier Pfosten. Von allen Ecken wurden Stoffbahnen in die Mitte hochgerafft. Da, wo die Stoffknubbel zusammenkommen, ist die Verbrämung, und dort hing die Quaste als Zierde in der Mitte.“ Ein Meisterstück von Theodor Wagler aus dem 19. Jahrhundert, in doppelter Ausführung weitergegeben an Sohn Kurt. „Mein Vater wollte es niemals aus der Hand geben. Doch eines Tages kam eine Architektin in die Werkstatt, sah die Quaste und wollte sie haben.“

Hin und her sei es zwischen den beiden gegangen, Wagler senior geriet mächtig ins Schwitzen. Doch die Frau blieb standhaft und habe ein großes Bündel DM-Scheine auf den Tisch gelegt: ‚Ich geh hier nicht ohne raus, was wollen Sie dafür haben?‘ Irgendwann gab Wagler nach und tauschte Quaste gegen Geld. „Und dann fragte mein Vater nur noch: ‚Was wollen Sie denn damit machen? Was wollen Sie dekorieren?‘ ‚Ich habe einen handgedrechselten Mahagonisitz für mein WC, und die Quaste kommt an die Spülung. Da wäre mein Vater fast gestorben.‘

Ohne Vergangenheit keine Zukunft

Günter Wagler hat seine Firma vor elf Jahren aufgegeben. „Wenn Sie ein Unternehmen leiten, das seit 122 Jahren existiert, dann haben Sie das Problem, der Letzte zu sein. Aber ich habe 50 Jahre und drei Monate als Posamentierer gearbeitet. Deswegen hatte ich kein schlechtes Gewissen, als ich die Fertigung eingestellt habe. Ich bedauere nur, dass der Beruf so gut wie ausgestorben ist.“

Seit 2006 genießt Berlins letzter Posamentierermeister mit seiner Frau den Ruhestand. Was nicht heißt, dass er nichts mehr tut. Vor allem mit dem sechsjährigen Enkel verbringen die beiden Waglers viel Zeit. „Der ist so superniedlich und kommt jetzt in die Schule. Und wenn unsere Tochter auf der Bühne steht, kümmern wir uns.“

Der Waglersche Garten: Traumschön in Tempelhof ©Katrin Schwahlen

Außerdem gibt es noch den Garten. „Wir lieben diese kleine Oase. Meine Frau hat gerade wieder alles umgebaut. Diese Parzelle ist einfach eine Freude.“ Und seit mehr als 50 Jahren hat das Ehepaar ein weiteres gemeinsames Hobby: Theater. Alle vier, fünf Wochen gehen sie zu den Premieren im Renaissancetheater. „Mir gefällt nicht jedes Stück, das wäre ja Quatsch. Aber jeder Besuch erinnert mich daran, dass die Bordüren und Besetze an den Vorhängen und Stühlen von der Firma Wagler stammen.“

Zum Abschied überreicht mir Günter Wagler eine Schlüsselquaste. Ich habe sie an die Tür in meinem Arbeitszimmer gehängt, wo sie mich an einen Nachmittag voller Geschichten und Anekdoten erinnert – und daran, sie nie wieder Troddel zu nennen. Ein Trottel, wer das verwechselt. Katrin Schwahlen

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