Tempelhof lebt!

Tempelhof lebt!

Die Manteuffelstraße ist eine verkehrsreiche Wohnstraße mit Altbauten, Neu- und Nachkriegsbauten sowie Mehrfamilienhäusern, mit kleinen Geschäften und verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten©Marlies Königsberg

Manteuffelstraße

Die Manteuffelstraße ist eine Durchgangsstraße. ©Dieter Düvelmeyer

Vom Stadtring bis zum Attilaplatz

Auf Entdeckungstour in der

 

 

 

Die Manteuffelstraße in Tempelhof (eine von fünf gleichen Namens in Berlin) hat ihr ganz eigenes Flair. Einer Beschreibung kann man sich gut darüber nähern, was die Straße nicht ist und nicht bietet. So herrscht hier keine Kiezgemütlichkeit. Jede Anmutung einer gehobenen Wohnlage mit schönen Altbauten hinter Kastanien, Linden, Platanen geht ihr ab. Das an manchen Berliner Wohngegenden gerühmte Straßenleben mit Cafés, Draußensitzen, lauschigen Plätzchen – hier undenkbar. Quirliges multikulturelles Neben- und Durcheinander wie mancherorts im Wedding oder Kreuzberg wird man hier vergebens suchen. Eine Einkaufsmeile ist sie auch nicht, was für eine Straße ist die Manteuffelstraße denn nun?

Namensgeber: Edwin Freiherr von Manteuffel©Archiv: ja

Die Manteuffelstraße ist eine Durchgangsstraße. Eine Straße, auf der – so das Technokratendeutsch – „der Großstadtverkehr gebündelt wird und abfließen kann.“

Eine Straße nicht für die Menschen, die dort wohnen, sondern für die Autos, die dort durchfahren. Ein Ort, an dem sich die ganze Schizophrenie, der ganze Wahn der automobilen Gesellschaft erleben lässt. Besonders im „Berufsverkehr“, morgens um acht, neun, nachmittags ab vier: Lange Rückstaus an den Ampeln, zähfließender Verkehr, ohrenbetäubende Lautstärke. Pendler aus dem südlichen Umland, den südlichen Ortsteilen rollen durch. Dazu kommt der Lastwagenverkehr. Ein Gutachten von 2005 berichtet von täglich 25000 bis 35000 Fahrzeugen, die die Straße befahren (weniger sind es seither sicher nicht geworden).

Die so oft von Planern und Entwicklern beschworene und angemahnte „Aufenthaltsqualität“ einer Straße geht hier gegen Null; eigentlich schon unter Null. Wenn man unvermittelt aus dem Haus tritt, trifft einen der Motorenlärm brutal und unvermittelt. Die Lücke im Autostrom zu erspähen und dann schnell rüber machen – das ist der tagtägliche Überlebenskampf, den man als Anwohner zu bestehen hat. Nach einigen Monaten sind die Fensterrahmen außen schwarz vor Dreck. Die Tulpen im Frühling auf den Mittelinseln: Ein ausgesprochen hilflos wirkender Verschönerungsversuch.

Möglichkeiten zum Essen und Trinken:
Oben: Gemütlich Frühstücken oder eine Kaffeepause mit leckeren Kuchen bei „Kirsch und Karamell“©Marlies Königsberg

In einer der typischen Eckkneipen ein frisch gezapftes Bier trinken©Marlies Königsberg

Blick in den Bosepark mit Grünflächen für Erholungssuchende©Marlies Königsberg

Vom Stadtring bis zum Attilaplatz reicht diese nach einem preußischen Generalfeldmarschall benannte Straße. Wer hier Geld verdient mit seinem Geschäft, seiner Dienstleistung, dem gelingt dies nicht wegen, sondern trotz des Umfeldes. Würdigen wir diese Leistung mit einer kleinen Umschau und beginnen mit der Gastronomie. Die eine oder andere Ecke ist hier tatsächlich noch von einer Kneipe besetzt: In Nord-Süd-Richtung folgen aufeinander: die „Berlinicke-Stuben“, die „Alte Dorfecke“, das „Bose Eck“, der „Tempelhofer Krug“, das „Mann Teufel Eck“ und „Romeo‘s Insel“. Dazu kommt das nette Café & Bäckerei „Kirsch und Karamell“. Wem dann nach einer langen Kneipennacht der Schädel dröhnt, der hat die Auswahl zwischen drei Apotheken; der Viktoria-Apotheke, der Manteuffel-Apotheke und die Apotheke am Attilaplatz. Wer lieber zu Hause trinkt, kauft bei Getränke Hoffmann oder in einem der Discounter (Kaufland, Lidl, Netto). Man kann auf der Manteuffelstraße Zeitungen und Zigaretten erwerben, Lotto spielen, Fotos machen oder seine Kleidung reinigen bzw. ändern lassen. Auch die obligatorischen Friseurgeschäfte, Kosmetik- und Nagelstudios fehlen hier nicht. Dem Auto kann man bei Pitstop oder einem etwas abgerockt aussehenden – aber sicher umso kompetenteren – „Reifenservice“ Gutes angedeihen lassen. Wer erst noch einen Führerschein braucht, kann diesen in der Fahrschule Wergo machen. Gleich zwei Glasereien, Schlette und Plickert (deren Kino- und Radioreklame einem nach Jahrzehnten noch im Ohr ist: „Plickert – die fahrende Glaserei“) bieten ihre Dienste an. Ebenso andere Handwerksbetriebe: Malermeister, Sanitär, Fenster und Türen, Gebäudereinigung, Versorgungstechnik. Zwei Blumenläden finden sich ebenso wie ein Goldschmied, Spätkauf, eine Bäckerei, ein Bestattungsunternehmen. Sehr kompetenten und kundenfreundlichen Service finden Fahrradfahrer bei Karsten Schmidt in seinem Laden „bikes and parts“.

Fahrradfreundlicher: Radwege zwischen Attila- und Berlinickeplatz wurden vom Gehweg auf die Fahrbahn verlegt©Marlies Königsberg

Ein Ärgernis – und eine Gefahr – waren seit vielen Jahren die Radwege zwischen Berlinicke- und Attilaplatz. Hier darf man sich über eine deutliche Veränderungen zum Besseren freuen. Die Radwege verliefen auf dem Gehsteig ohne Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos; eine unvermittelt geöffnete Tür konnte zu einer Kollision führen. Aus dem Radverkehrsprogramm der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurden im Jahr 2015 Gelder für einen Umbau bewilligt. Der Radweg befindet sich jetzt auf der Fahrbahn – durch eine Markierung von den beiden Fahrspuren für Kraftfahrzeuge abgetrennt. Die Bordsteinkante wurde erneuert, im Bereich des früheren Radwegs kann man nun parken.

Trotz alledem bleibt eine Straße wie die Manteuffelstraße als Lebensort eine Zumutung. Eine eindeutige Besserung käme nur mit radikalen anderen Verkehrskonzepten, die die Straße vom Individual- bzw. Pendel- und Frachtverkehr entlasten oder gar befreien würde. Ein Trost mögen die an einer solchen Piste etwas geringeren Mieten sein. Mancher hat auch seinen Kleingarten als persönlichen Erholungsraum. Oder man kann einen schönen Innenhof nutzen. Und mit ein paar Schritten ist man in der grünen Oase Bosepark mit tollem Kinderspielplatz, schönem Baumbestand und großer Wiese. Christoph Schröder

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