Künstler in Tempelhof: Sigrid Weise

„Ich würde mich selbst als ziemlich stark tempelhofverwurzelt bezeichnen“

„crazy“, 2011, Acryl auf Leinwand, 140 x 140 cm. © Sigrid Weise

© Rosa Reibke

Am Rande der Gartenstadt Neu-Tempelhof wohnt und arbeitet die Künstlerin Sigrid Weise. Ihr Haus steht einen Steinwurf entfernt von der Autobahn; das Tempelhofer Feld erreicht sie in ein paar Minuten. In Tempelhof geboren und in Neukölln zur Schule gegangen, lebt Sigrid Weise schon seit etlichen Jahren in der geräumigen Doppelhaushälfte; ein Heim mit Flair und Geschichte, in dem man den nervigen Autoverkehr vor der Haustür mit Schließen derselben ausblendet. Als Bildendende Künstlerin – „Freie Künstlerin“ heißt es ja auch gern mal – muss man sich sein produktives Umfeld selbst schaffen. Dass Sigrid Weise das Haus ihres Vaters übernehmen konnte, war so gesehen ein glücklicher Umstand. Denn hier geben sich Kunst und (Familien-)leben gewissermaßen die Klinke in die Hand – für beides ist Platz unter einem Dach; auch große Formate können hier entstehen – und andererseits sind drei Kinder hier aufgewachsen.

„Anonyme 4“, 2013, C-Print, 70 x 100 cm. © Sigrid Weise

Als Mutter dreier Söhne stand die heute 50jährige lange Jahre in der Pflicht. Die Kunst lief eher nebenher mit. Zumal sie auch pädagogisch arbeitete: 10 Jahre leitete sie Blinde und Behinderte beim Plastischen Arbeiten an. Schöne Tonfiguren sind unter ihrer Obhut entstanden. In den letzten Jahren ist sie in der Nachmittagsbetreuung einer Kreuzberger Grundschule tätig: Auch hier ist sie für Keramik zuständig, aber auch

die Theater-AG profitiert von ihrem Engagement: Masken, Bühnenbild, Plakate; sie hilft da, wo Schüler es noch nicht allein schaffen.
Seit nunmehr vier Jahren ist sie auch in die eigene künstlerische Arbeit wieder voll eingestiegen. Dabei ist sie in den unterschiedlichsten Genres und Techniken unterwegs. Im Studium an der Berliner HdK widmete sie sich hauptsächlich der Druckgrafik, insbesondere der Lithografie. Als Malerin bearbeitet sie die Leinwand mit Schablonen, Rollen, Walzen, Stempeln, kreiert sich überlagernde Strukturen, die auch aus Gegenständlichem wie Fenster und Fassaden herauswachsen. Schichtung ist ein wichtiges Momentum ihrer Arbeit, das auch bei ihren fotografischen Arbeiten eine große Rolle spielt. Eines ihrer jüngsten Projekte – zu sehen war es vor Jahresfrist in der Kirche auf dem Tempelhofer Feld – bestand aus übereinandergeschichteten Fotos von Grabplatten auf Friedhöfen im Bezirk. Mehrere Bilder verschmolzen zu einem, nur einzelne Buchstaben der Inschriften waren noch erkennbar, die großformatigen Bilder gewannen durch die Schichtung neue formale, nahezu malerische Qualitäten und stießen Fragen an: Was ist Erinnerung, was ist Geschichte, auf welche Weise konstruieren wir sie? „Meine Kunst beschäftigt sich mit Wahrnehmen und Fragen“, sagt die Künstlerin. Mit offenem Blick – und Fotokamera – laufe sie umher und dokumentiere. Dann, von der sie interessierenden Form ausgehend, zeichnen sich Fragestellungen ab.

„o. T.“, 1993, Lithographie vom Stein auf Büttenpapier, 49,5 x 37 cm. © Sigrid Weise

Ihre biographische Verwurzelung in Tempelhof führt Sigrid Weise in jüngster Zeit oft aufs Tempelhofer Feld. Zusammen mit ihrem Mann, dem Fotografen Helmut Kolb, geht sie dort den so vielfältigen kulturellen und geschichtlichen Aspekten nach, die die riesige Fläche bietet. Fotoserien entstehen. Manchen ihrer Aufnahmen, etwa von Bodenplatten, die von Schnee bedeckt sind, der an den Ritzen schon wegtaut, wohnt ein Moment der Irritation inne. Man rätselt darüber, was man sieht; so auch bei den Überresten der abgebauten Lichtanlagen längs der Startbahnen. Andere thematisieren die Überformung der Bauwerke durch Naturgegebenheiten. „Was passiert über die Zeit mit dem Gegenstand?“ Was ist darunter? fragt die Künstlerin, die eine digitale Nachbearbeitung von Fotos für sich ablehnt.
Derzeit sind Fotos von Sigrid Weise und Helmut Kolb im U-Bahnhof Paradestraße zu sehen. Auf drei Plakatwänden zeigen sie Ansichten vom Tempelhofer Feld. Die Internetseite „vieraugenblick.de“ zeigt eine noch größere Auswahl von thematisch gegliederten Aufnahmen des vielfältigen Geschehens auf dem Feld. Christoph Schröder

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