Künstler in Tempelhof: Stefan Merkt

„Ich definiere Vorhandenes neu“

Hübsch anzusehen: Charlie      Brown und seine Freunde in einer Stampage. ©Stefan Merkt

Hübsch anzusehen: Charlie Brown und seine Freunde in einer Stampage. ©Stefan Merkt

Der Künstler Stefan Merkt verfügt über ein – im wahrsten Sinne des Wortes – eigenes Markenzeichen: Er setzt seine Bilder aus gebrauchten Briefmarken zusammen. Sie werden farblich passend aufgeklebt und fügen sich zu Bildmotiven zusammen; eine schwarze Kontur umgibt sie oft. Als Erfinder dieses künstlerischen Verfahrens hat Merkt ihm auch einen Namen gegeben: Er nennt es Stampage. Das englische Wort „stamp“ (=Briefmarke) und den hinteren Wortteil von „Collage“ – die Kombination passt, indem es genau das bezeichnet, was der Künstler mit seinem Rohmaterial anstellt.

1989 fing Merkt damit an. 1960 im Nordschwarzwald geboren, in der Nähe von Stuttgart und in Koblenz aufgewachsen, hatte er die ersten Berufsjahre als Industriekaufmann hinter sich. Die künstlerische Praxis lief nebenher, Autodidakt war er sowieso. Wie oft in der Kunst, stand am Anfang von etwas Neuem ein Zufall. Merkt wollte den Zackenrand von Briefmarken als Schablone für ein Sprühbild benutzen, entdeckte beim Fixieren der Marken neue Muster und Strukturen und wusste: Das ist es, das machst du jetzt mal weiter. Von seinem Job als Industriekaufmann trennte er sich bald darauf um sich auf dem Kunstmarkt zu versuchen – und zu behaupten. Ein Nebenjob in der Gastronomie führte zur Teilhabe an einer erfolgreichen Kunstkneipe, aus der er dann einige Jahre später wieder ausstieg. Seit fünf Jahren lebt er ausschließlich von Verkäufen.

Mehr als 2000 Bilder sind im Lauf der Jahrzehnte entstanden. Einen bunten Reigen von Motiven entdeckt man bei einem Rundgang durch Merkts Wohnung, die zugleich Atelier und Präsentationsraum ist. Da tummeln sich zahlreiche bekannte Comicfiguren von den Peanuts bis zu Donald Duck; die knollennasigen Männchen von Loriot hängen neben Hollywoodstars oder Wilhelm Buschs Figuren. „Jeder Maler oder Fotograf hat doch ein Modell, bei mir sind es bereits vorhandene Bilder“, erläutert der Künstler. So versteht er auch seine Arbeiten nach kunsthistorischen Vorlagen – nach Bildern von Franz Marc, August Macke, Fernand Léger, Heinrich Zille bis hin zu Zeitgenossen wie Keith Haring. „Ich nutze die expressionistische Vorlage, arbeite mit den Mitteln der Popart und schaffe ein impressionistisches Bild“ sagt Merkt. „Die Vorlage wird nicht verleugnet; ich bin mit meiner Arbeitsweise aber auch erkennbar.“ Eine andere Vorgehensweise ist das Arbeiten mit alten Ölgemälden. Landschaftsbilder vom Typus Alpenglühen oder Röhrender Hirsch, die per Entrümpelung vom bürgerlichen Wohnzimmer auf den Flohmarkt oder zum Trödler gelangt sind, kauft er auf und nutzt ihre Motive als Hintergrund, in den er seine Figuren einfügt. „Ich kopiere nicht, ich interpretiere und erschaffe Neues“ konstatiert er.

Rohstoff Briefmarke: Klar, dass der Künstler hierfür einen ordentlichen Fundus an Material braucht. Der Blick in die Speisekammer, die als Lager dient, verblüfft dann aber doch. Bis zur Decke stapeln sich die säuberlich beschrifteten Plastikschalen, in denen sich mal Obst und Gemüse befanden und die nun die Marken bergen; nach Ländern, Farben, Motiven sortiert; es müssen Millionen sein. Wie überhaupt die Wohnung, obschon hier gelebt, gearbeitet, gelagert und präsentiert wird, ein beispielhaftes Muster an Struktur und Ordnung darstellt.

Vollgepackt: Stefan Merkt bewahrt die Marken in seinem Sammellager auf. ©Christoph Schröder

Vollgepackt: Stefan Merkt bewahrt die Marken in seinem Sammellager auf. ©Christoph Schröder

Mit der gleichen Energie, die er bei der Bildproduktion an den Tag legt, widmet Merkt sich der Vermarktung. „Ich nutze jede Möglichkeit, die sich mir bietet.“ So bespielt er, bei moderaten Preisen für seine Werke, den „alternativen Kunstmarkt“: Lokale, Büros, Hotels, Kultureinrichtungen bis hin zu ungewöhnlichen Ausstellungsorten wie einer Sauna oder einem Kuhstall. Auch hier kommt ihm sein Organisationstalent zugute. Mit ausgeklügelter Logistik sorgt er dafür, dass seine Stampagen bundesweit präsent sind. Auf- und Abbau von Ausstellungen, daneben Materialeinkauf und den einen oder anderen privaten Besuch hat er schon in manch einer Rundreise koordiniert, wenn er sich auch in letzter Zeit vorwiegend auf Berlin und Umgebung konzentriert. „Ich weiß nicht mehr, was Wochenende ist. Man arbeitet halt immer“, bringt Merkt seine Situation als Freiberufler auf den Punkt.

Auch in Tempelhof waren unlängst Arbeiten zu sehen. Mit dem Modeladen „Micano Z.“ in der Manfred-von-Richthofen-Straße wird Merkt weiterhin zusammenarbeiten. Auf seiner facebook-Seite finden sich die aktuellen Ausstellungen ebenso wie auf seiner Homepage.
 Christoph Schröder

Infos unter www.stampagen.com

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