Zum Sterben schön

Letzte Ruhestätte Parklandschaft
Der Tempelhofer Parkfriedhof an der Ullsteinstraße

Weist Lücken auf: die Urnenwand.©Christoph Schröder

Weist Lücken auf: die Urnenwand.©Christoph Schröder

Gewissermaßen im Niemandsland zwischen Tempelhof und Neukölln befindet sich die Gottlieb-Dunkel-Straße. Industrielandschaft prägt hier das Stadtbild. Autos brausen vorbei, die Straßen sind menschenleer. Keine Wohnhäuser weit und breit; aus einer Fabrikhalle dringen krachende Geräusche. „Industriestraße“ ist eine der Seitenstraßen treffend benannt.

Herbstimpression, bunt und melancholisch: Blick auf die Friedhofskapelle.©Christoph Schröder

Herbstimpression, bunt und melancholisch: Blick auf die Friedhofskapelle.©Christoph Schröder

So gesehen passt der Tempelhofer Parkfriedhof, an Gottlieb-Dunkel- und längst der Ullsteinstraße gelegen, ganz gut in die Umgebung. Wie selbige ist er eine Zone des Übergangs: Noch ein bisschen Friedhof, aber auch schon Parklandschaft. Seit 1997 wird auf der 138237 qm² großen Fläche niemand mehr beerdigt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Friedhof angelegt. Jetzt, ein Säkulum später, wird er, wie manch andere Anlage, in seiner ursprünglichen Funktion nicht mehr benötigt. Die Grünfläche soll jedoch erhalten bleiben,

Dem Gedenken gewidmet: Steinskulptur auf dem Parkfriedhof.©Christoph Schröder

Dem Gedenken gewidmet: Steinskulptur auf dem Parkfriedhof.©Christoph Schröder

das Nutzungsrecht mancher Grabstätten läuft erst in einigen Jahren aus.
An einem grauen Herbsttag – nicht das schlechteste Wetter um einen Friedhof zu besuchen – schauen wir uns auf dem Gelände um. Schon der Eingangsbereich stimmt ein auf eine Atmosphäre von Vergänglichkeit, Nostalgie, Melancholie: Da steht noch der längst geschlossene Blumenladen; die Aufschriften stammen aus den 50er, 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zwischen altem Baumbestand öffnen sich Wiesenflächen; hier und da befindet sich noch ein einzelnes Grab. Manche der noch verbliebenen Gräber sind längst eingeschlossen, überwuchert von Buschwerk, andere offensichtlich noch regelmäßig gepflegt. Die Urnenwände weisen mehr Lücken als Gedenkplatten auf. An der Ullsteinstraße stoßen wir auf

Wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten: der geschlossene Blumenladen.©Christoph Schröder

Wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten: der geschlossene Blumenladen.©Christoph Schröder

einen Bereich mit kleinen Grabflächen, irgendwie bunt, voller Nippes. „Unser Liebling“ lesen wir auf einem Stein. Sind hier Kinder begraben? Aber sonderbar, dass sie alle mit 11, 12, 14 Jahren gestorben sind … dann begreifen wir: Wir sind auf dem Tierfriedhof gelandet! Das seltsame Verhältnis der Berliner zu ihren Haustieren ist legendär. Hier kann man die Exzesse besichtigen. Geschmacklosigkeit pur: Grabsteine und Kreuze für die Vierbeiner, muss das sein?

Zwei, drei Spaziergänger sehen wir, einen Mann mit einer Gießkanne. Die Kapelle, die Zäune, die Bänke – das alles ist weniger zerfallen und zerstört, als man an diesem einsamen Ort erwarten würde. Eine Weile lassen wir uns noch über die weitläufigen, laubbedeckten Wiesen und Wege treiben. Die gleichförmigen Grabsteine der Kriegsopfer können noch heute traurig stimmen. Wer Vergänglichkeit, dem ehernen Gesetz der ablaufenden Zeit nachspüren und nachsinnen möchte, ist an diesem Ort gut aufgehoben. Christoph Schröder

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