Eindrücke in einer Willkommensklasse

Hoch hinaus: Flüchtlinge mit selbstgebauten Drachen©Christoph Schröder

Motiviert und engagiert

Der erste Eindruck auf dem Flur in der dritten Etage: Alles, wie man es kennt. Eine bunte Truppe, die da auf die Lehrerin wartet. Sie unterscheidet sich erst einmal kein bisschen von den anderen Klassen, die hier im Oberstufenzentrum Lotis in der Tempelhofer Dudenstraße anzutreffen sind. Sneakers, Kopfhörer, lässige Klamotten, die verschiedensten Kopfbedeckungen – die üblichen Bestandteile des heutigen Jugendlichen-Outfits findet man auch hier. Nimmt man die verschiedenen Ethnien, die hier zusammenkommen, einmal genauer in Augenschein, dann stellt man freilich fest, dass kein einziger deutscher Schüler darunter ist. Denn: Wir sind zu Besuch in einer Willkommensklasse.

Kunst steht auf dem Stundenplan. Beide Willkommensklassen mit je zwölf Schülern arbeiten zusammen; teambuilding ist das Gebot der Stunde – sich kennenlernen, ein Gruppengefühl entwickeln, Vertrauen aufbauen durch gemeinsame Aktion, gemeinsame Arbeit. Das Thema ist ein Klassiker des Kunstunterricht: Einen Drachen bauen. Eine Gruppe hat bereits Vorkenntnisse und übernimmt in den Zweier- und Dreierteams den Part des Lehrer. Die Kunsterzieherin Frau Peter hält Werkzeuge und Materialien hoch, im Chor werden die Gegenstände benannt: der Bohrer, die Säge, der Klebstoff. Nach dieser kleinen Vokalübung mit konkreten Objekten, geht es los mit Sägen, Schneiden, Kleben, Montieren.

Nigeria, Libyen, Somalia, Syrien, Libanon, Afghanistan, Albanien, Vietnam sind die Herkunftsländer der Jugendlichen. Nicht jeder wird hier bleiben können. Mancher hat sich allein nach Deutschland durchgeschlagen; gerade diese jungen Leute erweisen sich mit ihrem hart erkämpften Hiersein als besonders energisch und motiviert bei dem, was man gemeinhin Integration nennt. Geschichten hört man, die so skurril sind, dass sie wie erfunden klingen: Etwa die von dem vietnamesischen Jungen, den seine Eltern allein ins Flugzeug setzten, damit er hier eine ordentliche Bildung erhält.

Das Oberstufenzentrum fällt mit seiner zurückgenommenen architektonischen Gliederung an der Dudenstraße kaum auf; dessen ungeachtet ist es eine Riesenschule mit 125 Lehrkräften und ca. 2000 Schülern. Eine Reihe von Bildungsgängen wird angeboten: Berufsschule, Berufsvorbereitung, Fachoberschule, Berufliches Gymnasium. Den Flüchtlingen, die schon über das schulpflichtige Alter hinaus sind, will das Zentrum innerhalb eines Schuljahres eine erste Orientierung bieten – und natürlich die deutsche Sprache vermitteln. Ziel ist, das Niveau A2 zu erreichen, die abgeschlossene Grundstufe.

Heißt Flüchtlinge willkommen: Das OSZ Lotis an der Dudenstraße©Christoph Schröder

Erstaunlich wie sicher sich manche Schüler schon der deutschen Sprache bedienen. Da ist Moumen (22), der in Syrien schon Tourismus studiert hat und nach wenigen Monaten bereits eine flüssige Unterhaltung auf Deutsch bestreiten kann. Sein Mitschüler Mohammed verblüfft durch Sprachfähigkeiten, die der Kürze seines Aufenthaltes so gar nicht entsprechen. Schmunzelnd zählt er seine außerschulischen Lernwege auf: Fernsehen, Freunde, Zuhören und das Gehörte anwenden, Lesen. Frau Peter berichtet von einer Exkursion in den Martin-Gropius-Bau. Der durch die Ausstellung führenden Mitarbeiterin war die Herkunft und der Status der Schüler nicht so recht klar, sie sprach mit den Schülern Deutsch genauso, wie sie es mit jeder anderen Schulklasse getan hätte. Und auf diese Weise mit der außerschulischen Realität konfrontiert, sei es, sagt Frau Peter erstaunlich gewesen, wie viel die Schüler von den Erklärungen aufgenommen und mitgenommen hätten.

Im Kunstraum nehmen derweil die Drachen Gestalt an. Abschließend sollen sie mit einem Wort, das vielleicht einen Wunsch ausdrückt, geschmückt werden. Die Ergebnisse sind so rührend wie universell: „Frieden“ taucht hier mehrmals auf, „Liebe“, „reich sein“.
Anschließend geht es zum Sportunterricht in die Turnhalle. „Wenn ich einen vom Sport überzeugen kann, bin ich zufrieden“, so Peter Schäfers Credo. Der erfahrene Pädagoge versteht es Kraft, Mobilität und Energie der Schüler in die richtigen Bahnen zu lenken. Mit Ball- und Bewegungsspielen werden auch die etwas trägeren Jugendlichen eingebunden. Ein bisschen Gekicher und Flapsigkeit gehört wie überall dazu. Ansonsten auch hier der Eindruck: Die vielbeschworene Integration – sie wird im OSZ zielgerichtet auf den Weg gebracht. Die jungen Leute, flexibel, motiviert, auf der Suche, im Aufbruch haben die besten Chancen, dass sie ihnen gelingt. Christoph Schröder

Kontakt: Oberstufenzentrum Logistik, Tourismus und Steuern, (OSZ Lotis)
Dudenstraße 35/37, 10965 Berlin, Info: www.osz-lotis.de

Einblick: Familienquartier im Hangar des ehemaligen Flughafen Tempelhof©picture alliance/dpa

Helfen schwer gemacht

Von einer, die Auszog, Flüchtlingen zu helfen

Ich habe mich entschieden bei der Integration von Flüchtlingen zu helfen.
Also gehe ich zum Flughafen Tempelhof und finde nach einigem Suchen auch am Hangar 6 eine offene Tür. Die führt mich zu einem Computerraum, in dem drei Menschen irgendetwas arbeiten oder der eine dem anderen etwas beibringt. So genau kann man das nicht erkennen. Ich hätte auch durch das Haus laufen können, es hätte niemand bemerkt. Ich frage nach dem Zugang zur  Flüchtlingsunterkunft und bekomme die Antwort, das sei im Hangar 3 am Columbiadamm; mit der U-Bahn eine Station und dann um die Ecke oder mit dem Bus. Zum Glück bin ich mit dem Auto da, fahre also zum Columbiadamm und finde dank genauen Hinsehens ein Türchen im Zaun, das nicht allzu weit vom Hangar 3 entfernt ist. Drei Minuten Fußweg und ich stehe vor einem Pförtnercontainer, darin drei Wächter.
Halt, wohin? Haben sie einen Termin, eine Verabredung, eine Einladung?
Nee, hab ich nicht. Ich will jemanden sprechen, der für die Flüchtlinge zuständig ist.
Da müssen Sie sich über Internet anmelden.
Ich hätte gerne eine Karte oder Flyer mit der Adresse der Sicherheitsfirma.
Gibt´s nicht. Schreiben Sie Sich auf: tamaja GmbH. Dann kommen Sie auf die Seite und können sich anmelden.
Zu Hause gehe ich auf die Seite. Nach einigen Irritationen kann ich mich einloggen und gelange zu den Einsatzangeboten auf dem Flughafen. Ich trage mich für die 3. Schicht in der Kleiderkammer ein, obwohl mir etwas ganz anderes vorschwebt. Dies ist aber offensichtlich die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Meine Mail, dass ich Deutsch individuell für ein bis zwei Frauen unterrichten möchte, bleibt unbeantwortet. Der PC zeigt dann an, dass ich mich nochmals einloggen müsse, mein Benutzername aber schon vergeben sei. Ich bin verwirrt. Bin ich jetzt für die 15:30-Schicht registriert oder nicht? Ich fahre den PC frustriert herunter, entscheide mich, einfach um 15:30 mit dem Fahrrad dort hinzufahren.
Bei den Wächtern sage ich einfach „Kleiderkammer-Ausgabe im Hangar 1“ und werde unkontrolliert durchgewunken.
Am Hangar stehen bereits ein paar junge Leute vor verschlossener Tür. Es dauert eine ganze Weile, bis jemand uns reinlässt.
Ich bin eine von 15 für die Schicht bis 18:00. Ich habe den Eindruck, dass alle anderen Studenten sind, sie könnten meine Enkel sein. Manche sind aus Spanien oder sprechen nur Englisch. Ich bitte, erst mal das Fenster öffnen zu können, wegen der Hitze und schlechten Luft in dem riesigen Kleiderlager.
Jeder klebt sich ein Namenschild an die Brust. Einer ohne Schild, ich nenne ihn Hans, ist der große Organisator. Er verteilt an die drei Neuen ein Formular von der tamaja-GmbH. Hier organisiert also nicht der Senat, sondern eine GmbH verdient Geld, denn alle, auch Hans, arbeiten hier ehrenamtlich. Auf das Formular kommen meine Daten – die ich mir eigentlich ausdenken könnte, denn niemand kontrolliert sie per Abgleich mit einem Dokument. Unten wiederum steht, dass man ein erweitertes Führungszeugnis einreichen wird. Fürs Kleidersortieren?! Hans findet das auch nicht o.k., muss aber die Formulare einsammeln und weitergeben. Als ich ihm erzähle, was mir eigentlich so an Hilfe vorschwebt, verspricht er mir später zu zeigen, an wen ich mich wenden müsse.
Ich werde für die Ausgabe im Nebenraum bei den Frauenkleidern eingeteilt. Erst füllen wir zu zweit die Regale im Ausgaberaum auf. Dazu müssen wir immer in das total unübersichtliche Lager und im Schummerlicht versuchen, das Richtige zu finden.
15:20 kommen dann die ersten „Kunden“, fast ausschließlich Frauen, manche mit Kindern. Drüben in der Männerabteilung ist es total ruhig, nur selten kommt mal ein Mann und holt was. Vermutlich ist drüben auch die Verständigung besser. Die Frauen können kein Wort Deutsch, aber auch kein Englisch oder Französisch. Ich beginne selber nur noch konfuse Worte von mir zu geben oder mir mit den Piktogrammen zu helfen. Die Regale sind teilweise falsch eingeräumt. Das macht die Suche nicht leichter. Die Größe passt nicht, dann die Farbe, der Schnitt, das Material, die Länge. Pyjamas gibt es gar nicht. Wenn etwas wie neu aussieht, wird es eher genommen, auch wenn es kaum passt. Mit Nachthemden könnten wir wahrscheinlich einen ganzen Hangar ausstatten. Ich bin nur am Hin- und Herflitzen zwischen Ausgabe und Lager. Auf die hoffnungsvolle Frage an die Kundin, ob das jetzt alles sei, was sie wünsche, kommt immer noch eins drauf und dann möchte schon die Nächste was für sich und ihr Kind. Dieses hat sich inzwischen den Stempel gemopst, mit dem wir die Kleiderzettel der Flüchtlinge abstempeln müssen  und will ihn nicht mehr hergeben. Geschrei, Austricksen durch die Mutter, schließlich ein mit der Flasche in den Händen schlafendes Kind auf dem Ladentisch und der Stempel ist wieder unser.
Ich bin verzweifelt, weil ich viele Wünsche nicht erfüllen kann. Meine Augen brennen höllisch und mein Fuß schmerzt immer heftiger. Ich humpele in den Nebenraum an den Tisch und lege für einen Augenblick das Bein hoch. Es nützt nichts. Nach zwei Stunden gebe ich auf. Dies ist kein Job für mich, die auch so ungern shoppen geht und in Klamotten herumwühlt.
Die Frau, der ich mein eigentliches Anliegen vortragen könnte, ist inzwischen nicht mehr im Büro. Ich kann nur meine Mailadresse und Telefonnummer hinterlassen. Ich verabschiede mich. Man dankt mir mit Händedruck. Ich nehme mir noch einen Bonbon. Davon gibt es massenhaft. Wasser oder Tee wären nötiger gewesen.
Draußen ist es dunkel und nass. Der Regen macht mir aber gar nichts aus. Ich genieße die frische Lust und bin froh, dass mein Fahrrad auf mich wartet. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis sich jemand bei mir meldet für eine „Patenschaft“, wie man das wohl nennt. Gabriele Wind

Kofferspenden für Flüchtlinge

Aktion der Berliner Tafel e. V., der Kirchen und des RBB

Aufruf von „Laib und Seele“, Ev. Paulus-Kirchengemeinde-Tempelhof, Badener Ring 23, 12101 Berlin. Wenn Sie alte/entbehrliche Koffer bzw. Koffer ähnliches im Keller oder auf dem Dachboden haben, bitte bringen Sie von Dienstag bis Donnerstag diese ins Gemeindehaus-Vorraum- einfach abstellen! Die Flüchtlinge holen sie sich ab und können somit ihre Sachen besser verstauen. Tel.: 030-7865335, E-Mail: paulus-kuesterei@rundkirche.de tj

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