Kolumnen

Borchardt_Marke

 

 

 

Ofenzeit

Die Tage werden kälter, Stollen und Dominosteine liegen schon seit Wochen in den Lebensmittelmärkten, alles schnieft und hustet und die Apotheke rüstet sich zur Weihnachtszeit: Mit Kalendern, stimmungsvoll dekorierten Schaufenstern und  liebevoll verpackten Wellnessprodukten als Präsentidee für die Lieben zu Hause.

„Dieses Jahr schenken wir uns nichts!“ Kennen Sie das? Mancher  Ehemann nimmt erleichtert den Ausspruch seiner Liebsten allzu wörtlich. Doch es ist Obacht geboten! Mancher Haussegen an Weihnachten hängt schief, weil sich die Gemahlin wieder nicht bremsen konnte, ihrem Schatz doch noch was eingepackt hat – und er steht nun mit leeren Händen da. Er (schuldbewusst): „Aber wir wollten doch nicht …“ Sie (pikiert): „ Ja, ich weiß, aber …“

Warum nur tun wir uns mit dem Schenken so schwer? Ist es vielleicht nicht mehr zeitgemäß? Fürchten wir das Gegenrechnen von Materialwerten? Ist ein Gutschein oder ein Geldbetrag nicht müheloser? Doch was berührt den Beschenkten wohl mehr: Die Gabe selbst oder die Zeit, die der Gebende investiert hat, um zu überlegen, womit er ihm eine Freude machen könnte?

Eine Freundin von mir hat den Dreh raus: Sie bastelt, bäckt und kauft alles, was ihr gefällt, immer zweimal – auch Theater- oder Kinokarten. Es fand sich bislang immer ein freudig Überraschter.

Auch ein teilnahmsvoller Brief, ein Krankenbesuch, eine helfende Hand, eine selbstgekochte Mahlzeit kann ein Geschenk sein. Schenkende Menschen sind glückliche Menschen. Verschenken Sie sich selbst! Machen Sie einen Versuch: Seien Sie einen Tag lang selbstlos und nur für das Wohlbefinden einer Person da. Lesen Sie ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sie werden sehen: Am Ende dieses Tages werden Sie erschöpft, aber zufrieden ins Bett fallen.

Und ich schenke Ihnen heute ein Lächeln – mit einem Zitat von Joachim Ringelnatz: „Ich hab dich so lieb! Ich würde Dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken.“

 

marke_hamann

 

 

 

 

Totgesagte leben länger

Können Sie sich an Ihre erste LP erinnern? Meine hatte die Form einer runden Tabakdose. Die Künstler dieser besonderen Verpackung, die SMALL FACES, landeten mit dieser LP „Ogdens’ Nut Gone Flake“ nicht nur bei mir einen Volltreffer, auch der Single-Hit aus dieser LP, „Lazy Sunday“, hatte Ohrwurmcharakter. Meine damalige Freundin überraschte mich mit dieser LP, und der ebenfalls neue Plattenspieler musste Überstunden machen.

Die Langspielplatte war in den 1960er-Jahren ein sehr beliebtes Geschenk, groß im Format, wenn auch mit 18 DM nicht gerade billig. Gute Geschäfte mit einer großen Auswahl waren Mangelware. Hier in Tempelhof war Radio Möller am Mariendorfer Damm führend. Wie viel Geld ich dort gelassen habe, ist schon beachtlich, aber Musik hat mich schon immer fasziniert und hat mich auch durch mein berufliches Leben begleitet. Ob als DJ, Musikredakteur, Produzent von Radiosendungen und später als Musikchef diverser Radiosender.

Wenn ich mich so umhöre, schwärmt jeder von der „guten, alten Zeit“, der Vinyl-Zeit. Bestimmt fallen auch Ihnen zu der einen oder anderen LP Geschichten ein. Wie der Zufall es so will, die LP in Deutschland und ich haben gemeinsam Geburtstag, beide sind wir 65 geworden.

Kommen Sie mit, lassen Sie uns in die LP-Geschichte eintauchen. Am 21.Juni 1948 stellte Columbia Records ihre “Long Playing Microgroove Record”, die LP, vor. Entwickelt von Peter Carl Goldmark, war dies die erste 25 cm-Schallplatte mit Mikrorillen, 33 1/3 Umdrehungen und gepresst aus Vinyl. Erst 1951 stellte die Deutsche Grammophon-Gesellschaft (DG) auf der Musikmesse in Düsseldorf gleich mehrere Langspielplatten mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute vor und setzte damit eine Erfolgsgeschichte in Gang. Die ersten LPs kamen alle aus dem Klassik-Bereich. Das Amadeus-Quartett und der Geiger Wolfgang Schneiderhan machen ihre ersten Aufnahmen für die DG 1951. Die Sensation damals: Herbert von Karajan kehrte von der EMI zur Deutschen Grammophon zurück und spielte in den nächsten 30 Jahren etwa 330 Schallplatten für die DG ein, darunter drei Beethoven-Zyklen und den kompletten Nibelungenring Richard Wagners.

Während die 50er-Jahre von der Klassik beherrscht wurden, dominierte in den 60er- und 70er-Jahren die neue Beat- und Pop-Musik. Hinzu kam, dass mit der Vinyl-Platte auch die kunstvollen Plattencovers entstanden. Derzeit ist Cover-Artwork künstlerisch gesehen spannender denn je. Z.T. sind daraus regelrechte Kultobjekte geworden wie z.B. die Beatles auf dem Abbey-Road-Zebrastreifen. Die „seelenlose“ CD verschwindet immer mehr, die Renaissance der Vinyl-LP mit jährlich steigenden Traumumsätzen kurbelt auch die Plattenspieler-Hersteller an, denn „Totgesagte leben länger“.

 

 

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