Nachfrage einer Bio-Laden-Mitarbeiterin

Ist das fair?

Seit September 2016 ist Tempelhof-Schöneberg offiziell der vierte Fairtrade-Town-Bezirk in Berlin. Das heißt, Politiker, Wirtschaft und Gesellschaft fördern gezielt den fairen Handel auf der kommunalen Ebene. Das „tempelhofer journal“ hat auch über den Fair-Trade-Town-Award berichtet. Was aber hat der bundesweite Discountmarkt Lidl mit fairem Handel in unserem Kiez zu tun, fragt die Mitarbeiterin eines Bioladens * und schreibt:

Als wir an der Bewerbung für den Titel Fairtrade-Town teilnahmen, wussten wir nicht, dass Lidl als Sponsor auftreten würde. Wir hätten sonst nicht teilgenommen. Denn wir möchten keinen Großkonzern unterstützen, für den die nachhaltige, soziale und umweltverträgliche Herstellung von Produkten nur eine nachrangige Rolle spielt und für den Profit an erster Stelle steht.

Lidl steht schon länger in der Kritik, Greenwashing zu betreiben, sich also in der Werbung als umweltfreundliches und nachhaltiges Unternehmen darzustellen ohne es wirklich zu sein. Dieser Konzern hat eine enorme Marktmacht, er konkurriert mit den anderen Discountern um die niedrigsten Preise, um sich noch mehr Marktanteile zu sichern. Zum Beispiel bei der Milch: Lidl senkt die Milchpreise so sehr, dass die Bauern nur noch durch massive Subventionen überleben können. Was ist daran fair?

Und wenn man sich das Lidl-Sortiment anguckt, findet man nur wenig mehr als zehn von 700 Produkten mit dem Fairtrade-Siegel. Lidl geht es doch gar nicht um sozial-ethische Verantwortung, die man mit dem Siegel verbindet, sondern nur um den zusätzlichen Profit, der durch verantwortungsbewusste Kunden zusätzlich generiert werden kann.

In unserem Bioladen brauchen 80 Prozent des Angebots kein Siegel, denn die Produkte werden schon „bio“ in Europa und der EU hergestellt. Dabei sind umweltverträgliche Bedingungen und Mindestlöhne selbstverständlich. Das alles wird kontrolliert. Und Produkte, die außerhalb der EU produziert werden, sind in der Regel Kleinbauern-Projekte. Hier werden noch höhere Standards angelegt, als die meisten Fairtrade-Siegel vorgeben. Das kostet natürlich mehr als beim Discounter, aber unseren Kunden ist nicht egal, woher die Produkte stammen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Deswegen sind sie auch bereit einen höheren Preis zu zahlen – wenn sie entsprechende Transparenz bezüglich Produktion und Herkunft haben.

Fair-Trade-Town bedeutet fairer Handel vor Ort. Warum also hat die Bezirksbürgermeisterin nicht lokale Aktivisten und Unterstützer gebeten das Buffet auszurichten? Damit hätte sie den bitteren Beigeschmack vermieden, dass ein grüngewaschener Discounter die Veranstaltung zu Werbezwecken nutzt. Wir haben deswegen die Preisverleihung abgesagt.

* Name ist der Redaktion bekannt

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