Kolumne

Ich kann ihm doch keine reinhauen!

Der Punk stand direkt vor mir: seitlich abrasierte Haare, schrillroter gezackter Kamm, Lederjacke mit Sicherheitsnadeln und chromglänzende Kettchen. Geschätzt 15 Jahre alt. Roch frisch geduscht und sagte zum Verkäufer bei Karstadt: Ich suche ein Geschenk für meine Mutter bis 40 €. Das war kurz vor Weihnachten.

Warum ich dabei an meinen Patensohn denken musste, wusste ich nicht gleich. Denn dieser ist gut 20 Jahre älter, verheiratet und Vater von vier Kindern. Gut verdienend.

Aber dann wurde mir klar: Auch bei ihm passt etwas nicht zusammen. Nur ist es bei ihm unerfreulicher.

Jan hat mir bei unserem letzten Besuch eröffnet, dass er, wenn er denn gekonnt hätte, in Amerika Trump und in Österreich Hofer gewählt hätte. Und dass er wahrscheinlich nächstes Jahr bei der Bundestagswahl AfD wählen würde.

Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Erst wollte ich ihm eine reinhauen. Dann dachte ich daran, ihn in den Arm zu nehmen und zu sagen, Junge, das war doch ein Scherz! Ich habe beides nicht gemacht.

Wir haben dann länger geredet. Ich suchte nach Verständnisbrücken und fand auch welche. Er ist ein Wahrheits- und Gerechtigkeitsfanatiker und allergisch gegen intellektuelle Blasiertheit. Bin ich auch. Aber er zieht entgegengesetzte Schlüsse aus dem, worüber wir uns einig sind. Ich kann seine politischen Auffassungen nicht gut ertragen.

Bei den Berliner Wahlen habe ich gezittert, weil die AfD im Bezirk um ein Haar einen Stadtratsposten bekommen hätte. Seit Trump höre ich im Auto nicht mehr Inforadio, sondern nur noch Klassik. Und dann das.

Ich lache mit Jan gern und viel, er ist einer der besten Witzeerzähler, die ich kenne. Er steckt mich an mit seinem herrlichen Humor.

Ich spüre, dass er in Sorge ist, dass ihn sein Patenonkel nicht mehr mag.

Ich muss mich mit seinen Ansichten, ich muss mich mit ihm auseinandersetzen. Die Sympathie, das Gemeinsame, der Respekt helfen uns. Aber wir werden einander nicht bekehren.

Wenn Jan im nächsten Jahr wirklich AfD wählt, werde ich mich zusammen mit ihm besaufen. Das habe ich ihm schon angekündigt. Er war begeistert.

Wie das in der großen Politik gehen soll, weiß ich nicht.

Der Punk bei Karstadt wurde übrigens an einen anderen Verkaufsstand gelotst, und ich habe nicht mitbekommen, ob er etwas gefunden hat bis 40 €, zu Weihnachten, für seine Mutter.

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