Künstler in Tempelhof: Aenne Burghardt

„Die Gebäude in der Stadt sagen mir guten Tag“

Heutzutage sind wir eigentlich alle Fotografen. Knipsen mit Digitalkamera oder Smartphone herum, korrigieren am PC die Ergebnisse, stellen sie ins Internet. Jeder kann das, jeder macht das. Umso bemerkenswerter, wenn man dann jemanden trifft, der noch die traditionelle Fotokunst beherrscht und pflegt.

So jemand ist die Fotografin Aenne Burghardt. Schon der erste Blick in ihre Werkstatt zeigt: Hier wird handwerklich gearbeitet. Hier gibt es eine Dunkelkammer, Entwicklerwanne, die benötigten Chemikalien, das Archiv, Kartonschachteln, in denen die fertigen Abzüge aufbewahrt werden. Schwarz-Weiß-Fotografien sind dies und sie strahlen das typische Flair aus, das dem Medium anhaftet: Würde, Distinktion, Zurückhaltung, Unaufgeregtheit – das Gegenteil der grellen Bilderwelt von Internet, TV und Werbung.

Derzeit fotografiert Burghardt Bauwerke und Denkmale der klassischen Moderne aus der Zeit von 1920 bis 1930. Ausgelöst hat ihr Interesse eine als Galerie genutzte alte Hutfabrik in Luckenwalde. Eigentlich wollte sie in dem Erich-Mendelsohn-Bau eine Ausstellung sehen, hatte dann aber nur noch Augen für das Gebäude: „Dieser Architekt hat sich Gedanken über Material, Struktur, Funktion gemacht. Die Fabrik brauchte einen Kamin für die Durchlüftung und der hat die Form eines Hutes; so hat die Hutfabrik tatsächlich einen Hut auf.“

In Berlin fanden sich weitere  herausragende Beispielen jener Bauepoche zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit: Die Schaubühne am Lehniner Platz, die Kirche am Hohenzollernplatz, das Lateinamerikainstitut der FU am Breitenbachplatz oder das Gewerkschaftshaus in Kreuzberg, das es ihr besonders angetan hat. „Ich würde mich jeden Morgen freuen, in das schöne Haus zu gehen. Das macht was mit einem.“Es geht ihr auch darum, die großen Architekten jener Zeit wie Scharoun, Walter Gropius oder Max Taut  und weitere zu würdigen; Baumeister, die in der folgenden Epoche des Nationalsozialismus ins Abseits gedrängt wurden, emigrieren mussten. Und: „Ich will herausfinden, was die Leute zu sagen haben. Was fasziniert mich?“

Die Künstlerin in ihrem Archiv – Foto: Christoph Schröder

Charakteristisch für Burghardts Architekturaufnahmen ist ihre stille, fast nostalgische Aura. Menschen sind darauf nicht zu sehen. Die Bilder ruhen in sich. Eine selbst auferlegte Beschränkung dabei lautet: „Ich arbeite nur mit dem Licht, das da ist. Von innen ist es dann Glückssache.“ Dabei geht es ihr dezidiert um den eigenen Blick. „Wenn man schon die fertigen Bilder von anderen im Kopf hat, ist es nicht mehr reizvoll.“ Deswegen habe sie das oft genug schon fotografierte Bauhaus in Dessau ausgelassen. Und wie und womit enden Serien? „Irgendwann bricht ein Projekt von einem Tag auf den anderen ab. Das Gefühl, als wüsste ich, worum es geht, kann es aber nicht in Worte fassen.“

Zurückliegende Serien hatten die menschliche Gestalt, das Porträt zum Thema. Projekte, etwa mit straffällig gewordenen Frauen oder psychisch erkrankten Menschen entwickelten eine interessante Dynamik. Die Porträtierten selbst entschieden, wie viel sie von sich zeigen wollten. Da konnte auch einmal eine Hand die Augen verbergen oder – bei einer Türkin – ein sonst nie getragenes Kopftuch mit einem modernen Make-Up kombiniert ein ganz anderes Image kreieren. Auch Pflanzen porträtierte die Fotografin in ihrem zurückhaltenden, konzentrierten Stil, befreit von allem Drumherum.

Im nächsten Jahr kann Aenne Burghardt auf 20 Jahre fotografischer Arbeit zurückblicken. Irgendwann in der Lebensmitte brauchte sie ein Gegengewicht zur beruflichen Tätigkeit als Diplom-Psychologin in einer Justizvollzugsanstalt. Die Fotografie sollte es sein. Weil sie jedoch am Arbeitsplatz ohnehin viel am Computer sitzt, schied die Digitalfotografie von vorneherein aus. Es folgten Jahre der Ausbildung, des Lernens in Kursen, Sommerakademien, bei namhaften Lehrern wie Arno Fischer. Ihre Arbeiten, meist im Format 38 x 38 cm, stellt sie heute in Fotoateliers oder bei Kunstausstellungen wie etwa im Tempelhof Museum in Mariendorf aus. Ein glücklicher Zufall half ihr, eine eigene Werkstatt aufzubauen: Unter ihrer Wohnung wurden ehemalige Hausmeisterräume frei.

Die Entscheidung für die analoge Fotografie hat Aenne Burghardt nie bereut: „Für mich ist das auch was Meditatives. Wenn ich runtergehe in meine Dunkelkammer, dann ist die Welt draußen. Ich freue mich jedes Mal, wenn im Entwickler das Bild kommt. Und wenn es so kommt, wie ich es gesehen habe. Das Erlebnis habe ich nicht in der digitalen Fotografie. Ich würde auch nicht auf den Geruch der Dunkelkammer verzichten wollen …“

Ab dem 31. Januar stellt Aenne Burghardt im Einkaufszentrum Boulevard Berlin an der Schloßstraße aus, ab dem 21. März in der Schwartzschen Villa an der Steglitzer Grunewaldstraße. Nähere Infos hierzu auf der Website der Künstlerin. Christoph Schröder

Info: www.aenneburghardt.de

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