DP-Camp in Mariendorf

Juden die nach Deutschland flohen

Vertreter der Fluchthilfeorganisation Brichah im UNRRA-Lager Berlin-Mariendorf, ca. 1946 ©Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Chaim Stein

Der Krieg war verloren, Deutschland lag in Schutt und Asche!

Als die Alliierten im Mai 1945 Deutschland besetzten, befanden sich im Bereich der westlichen Besatzungszonen etwa sieben bis acht Millionen sogenannte Displaced Persons (DPs). Das waren diejenigen, die infolge des Krieges aus ihrer Heimat vertrieben, verschleppt, oder geflohen waren: Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

Nicht dazu zählten Millionen deutscher Flüchtlinge wie beispielsweise Schlesier oder Sudetendeutsche.

Trotz erheblicher logistischer Schwierigkeiten gelang es den westlichen Alliierten über 6 Millionen DPs zu repatriieren. Etwa eine Million wurde als nicht rückschickbar angesehen. Dabei handelte es sich um Polen und Sowjetbürger, die nach der Zwangsarbeit nicht in ihr Heimatland zurückkehren wollten sowie um Osteuropäer, die freiwillig für die Deutschen gearbeitet hatten.

Eine relativ kleine Gruppe stellten die jüdischen Überlebenden dar. Völlig entkräftet hatten sie die Torturen in den Konzentrationslagern überstanden oder versteckt im Untergrund überlebt.

Nach Kriegsende waren die Überlebenden zwar befreit, allerdings ohne frei zu sein; das Lagerleben setzte sich fort. Kein geregeltes Essen, keine Kleidung, aber wiederum Bewachung.

Die deutschen Kriegsverlierer hatten meistens anständig zu essen, waren leidlich gekleidet, hatten keine Skrupel wegen des verursachten Krieges und frönten weiterhin ihrem entsetzlichen Rassismus.

Trotzdem kamen immer mehr Juden nach Deutschland, allerdings nicht, um sich hier nieder zu lassen, sondern als Teil einer großen Fluchtbewegung. Der traditionelle Antisemitismus trug Früchte und wurde noch durch die Befürchtung gesteigert, die Juden würden ihr Eigentum zurückfordern. In West- und in Osteuropa ereigneten sich zahlreiche Pogrome denen über 1000 Personen zum Opfer fielen.

Ziel war nicht Deutschland, sondern hauptsächlich die US-Zone, deren DP-Camps als Sprungbrett in eine bessere Zukunft galten.

Die Berliner Camps befanden sich in Wittenau, Schlachtensee und seit 1946 auch in Mariendorf, zwischen dem Häuserblock Eisenacher Straße, Rixdorfer Straße, Dirschelweg und Äneasstraße. In zwei Bus-Wartehäuschen in der Eisenacher Straße Ecke Rixdorfer Straße erinnern zwei identische Gedenktafeln mit Fotos an die von 1946 bis 1948 hier errichteten Lager für jüdische Displaced Persons (DPs). Auf dem Foto (oben), die Einfahrt zum UNRRA-Lager an der Eisenacher Straße und (unten) auf einem Motorrad spielende Kinder in der Äneasstraße.

Mit Beginn der sowjetischen Blockade Juni 1948 und den damit auftretenden Versorgungsproblemen beschlossen die Alliierten, die drei DP-Lager in West-Berlin aufzulösen. Über 5000 Bewohner der Camps wurden mit zurückfliegenden „Rosinenbombern“ ausgeflogen.

Nahezu 100.000 jüdische Menschen aus Ost-Europa nutzten die Berliner Lager als Transitmöglichkeit für die Reise nach West-Deutschland um von dort aus Palästina zu erreichen und den Staat Israel zu gründen. Nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten hatten die Bewohner in den Lagern unter neidvollen deutschen Blicken ein reiches kulturelles Leben mit Theater, Orchester, eigener Zeitung, Kindergarten, Sportvereinen und eigener Gerichtsbarkeit geschaffen. Erst das Ende des Unabhängigkeitskrieges 1949 und die Lockerung des amerikanischen Einwanderungsgesetzes ermöglichte den Flüchtlingen die Reise ins „gelobte Land“. Karl-Heinz Kronauer

Flucht nach Berlin“
-Jüdische Displaced Persons
1945-1948, von
Angelika Königseder,
Metropol, 25,09 €

„Als die Juden
nach Deutschland
flohen“-Ein
vergessenes Kapitel
der Nachkriegsgeschichte
von Hans-Peter-Föhrding/
Heinz Verfürth,
KiWi, 24 €

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