Kolumne

Rücksichtslosigkeit

Rumms! Ich spüre den Aufprall des Einkaufswagens gegen meine arglose Ferse. Die zittrigen Metallstreben des Wagens klirren. Ich blicke mich um und sehe einen gehetzt wirkenden Mann, dem nichts wichtiger ist als seine Waren nach dem Scannen schnell wieder in den Wagen zu legen. Ob ich da noch stehe und mein Wechselgeld verstaue oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Der Mann blickt mich ebenfalls an. Doch die angebrachte Entschuldigung kommt ihm nicht über die Lippen.

Auf dem Heimweg vom Supermarkt sehe ich blaue Lichter tanzen. Scheinbar hat es an der Kreuzung wieder einen Unfall gegeben. Offenbar kamen auch Personen zu Schaden. Jedenfalls sehe ich Rettungskräfte hektisch einen der Unfallwagen aufstemmen. Doch sie sind nicht allein. Nur wenige Meter entfernt haben sich Schaulustige versammelt, denen dieser wertneutrale Begriff nicht gerecht wird. Es sind Gaffer. Sie behindern die Sanitäter dabei, Leben zu retten. Sie verletzen Persönlichkeitsrechte und den Anstand. Ich gehe an ihnen vorbei und muss mich zusammenreißen, sie nicht anzuschreien. Es würde eh nichts nützen.

Auf der Kreuzung hupen sich die Autos an. Scheinbar ist den etwas weiter hinten stehenden Fahrzeugführern nicht klar, dass ein Unfall nun einmal Priorität vor einer grünen Ampel hat. Ein Mercedes versucht, einen wartenden LKW zu umschiffen. Der Fahrer flucht wütend. Hupen, Gasgeben und Bremsen wechseln sich ab. Eine Atmosphäre der Rücksichtslosigkeit herrscht. Doch nicht nur hier an dieser Kreuzung, sondern auch im Supermarkt – ja eigentlich, so scheint es mir, in der ganzen Stadt.

Es stimmt mich traurig, dass die Menschen in dieser Stadt offenbar verlernt haben, rücksichtsvoll und freundlich miteinander umzugehen. Vielleicht war das einmal anders, vielleicht wünsche ich mir auch nur, dass es mal anders war. Mich jedenfalls bedrückt es. Wäre dem gehetzten Einkäufer seine Tiefkühlkost verdorben, wenn er einfach zehn Sekunden verharrt hätte, als ich mein Kleingeld einsteckte? Haben die Gaffer ihren gelangweilten Ehepartnern sonst nichts zu erzählen, wenn sie nicht brühwarm von Blut und Splittern berichten können? Geht es dem ständig Hupenden wirklich besser oder wäre ein wenig mehr Entspannung vielleicht sogar für ihn selbst angenehmer?

Bepackt mit meinen Einkäufen erreiche ich den Hauseingang. Meine Nachbarin, ein junges Mädchen, hält mir die Tür auf und lächelt mich an. Es gibt Hoffnung, denke ich, während das Hupen durch die sich schließende Haustür gedämpft wird.

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