Weißgerber Lesezirkel aus Tempelhof

Heftstraße: Zeitschriften erhalten einen blauen Schutzumschlag, dieser dient zum Schutz und als Werbeträger ©Lesezirkel Weißgerber

Das Traditionsunternehmen beliefert Berlin mit Lesestoff

Die Situation kennt jeder: Man sitzt beim Arzt oder Friseur und wartet. Hat Zeit zu überbrücken, schaut sich um. Heutzutage wird dann oft das Smartphone gezückt und darauf herumgetippt – aber da gibt es noch eine andere, althergebrachte Möglichkeit: Man greift zu den ausliegenden Zeitschriften. Und diese haben in den meisten Fällen einen soliden blauen Umschlag und darauf steht „Weißgerber Lesezirkel“. Da kann man dann mit stillem Vergnügen in anspruchsvollen und auch weniger anspruchsvollen („Die lese ich nur beim Friseur!“) Magazinen blättern; ein kostenloser Service, den man gern in Anspruch nimmt.

Das Geschäftsmodell Lesezirkel ist so einfach wie smart. Der Lesezirkel vermietet Zeitschriften. An private Kunden ebenso wie an besagte Praxen, Geschäfte, Lokale, wobei der Mietpreis deutlich unter dem Kaufpreis liegt. Die jeweils neue Ausgabe wird ins Haus geliefert, das alte Heft mitgenommen und zu einem wiederum niedrigeren Preis an andere Kunden weitervermietet. So zirkulieren die Magazine bis zu vier (früher acht) Wochen lang. Berliner Marktführer in diesem Geschäft ist mit dem Weißgerber Lesezirkel ein Ur-Tempelhofer Unternehmen.

Lichtenrade. Ich sitze mit Lothar und Helga Weißgerber, den Seniorchefs des Betriebs, in ihrem gemütlichen Zuhause zusammen. Seit gut 60 Jahren ist das Paar verheiratet und die allermeiste Zeit davon ist es auch beruflich ein Team gewesen. Herr Weißgerber wirft ein paar Schlaglichter auf die Historie der Firma. 1925, in einer Zeit, als es in Berlin über 30 Lesezirkel gab, gründete sein Großvater das Unternehmen, das dann sein Vater weiterführte. Schon als Jugendlicher half Lothar Weißgerber ihm in der Firma. Zu zweit belieferten sie in den Nachkriegsjahren den Süden Berlins – mit Fahrrad und Anhänger. Diesem folgten Moped und Motorrad und in der zweiten Hälfte der 50er Jahre schließlich das erste vierrädrige Fahrzeug: ein Fiat 500; vollgepackt bis unters Dach. Sein Vater wurde krank und so rückte Lothar Weißgerber schon in jungen Jahren in die Verantwortung, verließ das Gymnasium, lernte Buchhaltung und Schreibmaschine, betrieb den Ausbau der Firma. „Das hat uns Spaß gemacht und den Kunden auch.“ In den 60er Jahren war der Teltowkanal die Grenze des Liefergebiets. Ab und zu wurde dann ein Lesezirkel aufgekauft, wenn Besitzer etwa aus Altersgründen aufhörten und so dehnte der Unternehmer, immer tatkräftig unterstützt von seiner Frau, nach und nach den Geschäftsbereich auf ganz Berlin aus.

Einblick in die Lagerhalle: Das Familienunternehmen ist seit 93 Jahren persönlicher Dienstleister für Mietzeitschriften ©Lesezirkel Weißgerber

Parallel dazu wuchs der Platzbedarf. In der Lichtenrader Steinstraße fing es an, aus Kellerräumen in der Saalower Straße zog die Firma in einen Laden in der Attilastraße, schließlich in ein Haus an der Buckower Chaussee. Seit 2012 sitzt die Firma nun in einer großen Halle in der Mohriner Allee.

Bei all den Veränderungen im Lauf der Jahrzehnte: Motor war ein Chef, dem Kunden- und Mitarbeiterfreundlichkeit immer gleichermaßen am Herzen lagen. Da wurden die Angestellten an heißen Tagen auch mal mit Eis verwöhnt, die Kunden selbst an Heiligabend noch beliefert. Lothar und Helga Weißgerber waren sich nie zu vornehm, selbst mit anzupacken – sei es im Lager oder bei der Lieferung. Vor gut zehn Jahren schließlich übergab Lothar Weißgerber die Firmenleitung an seine Tochter Ute.

Zu Besuch in einer freundlichen Firma

Mohriner Allee, Firmengebäude des Weißgerber Lesezirkels. An diesem kalten Wintervormittag sind die Fahrer schon unterwegs. Stapel von Zeitschriften lagern auf Schwerlastregalen. An der Wand hängen die alten Werbe- und Firmenschilder, künden von Tradition und dem Design vergangener Jahrzehnte. Unüberhörbar rattert die Heftstraße – das Herzstück der Firma. Hier wird aus einer druckfrischen Zeitschrift ein Lesezirkelexemplar, indem ihr der charakteristische blaue Umschlag verpasst wird. 150 000 Zeitschriften werden pro Monat ausgeliefert; 14 Fahrzeuge sind im Einsatz.

Familienfoto: Emil Weißgerber,
Gründer des Weißgerber Lesezirkel ©Repro: Karl-Heinz Kronauer

Im schicken Pausenraum erfahre ich von Inhaberin Ute Weißgerber-Knop weitere Details. Die 35 Mitarbeiter etwa, sind größtenteils schon Jahre und Jahrzehnte in der Firma, schätzen die familiäre Atmosphäre. Auch in Zeiten von Umsatzeinbußen bei vielen Medien erweist sich das Konzept Lesezirkel als krisenfest; heutzutage liegt es unter dem modischen Schlagwort „magazine sharing“ sogar wieder richtig im Trend. Man kann sowohl einzelne Zeitschriften mieten, als auch, für gewerbliche Kunden besonders interessant,

Senior-Chefs Helga und Lothar Weißgerber
mit Tochter, (4.Generation) Ute Weissgerber-Knop,
Inhaberin des Weißgerber Lesezirkel ©Lesezirkel Weißgerber

bereits fertig oder auch individuell zusammengestellte Zeitschriftenpakete, bestehend aus verschiedenen spannenden Publikationen. Lieferung und Abholung sind kostenfrei. Mit „Zeit-für-mich“- oder „Rund-um-fit-Paket“ kommen auch Zeitgeist und Lifestyle ins Haus. Und wenn man verreist, hat man die Möglichkeit die eigene Lieferung an soziale Einrichtungen zu spenden.

Stichwort Spende: Von seinem Erfolg gibt der Weißgerber Lesezirkel gern etwas ab. Die Firma unterstützt zahlreiche kulturelle und soziale Projekte und Initiativen. Jugendclub, Nachbarschaftsheim, Tierheim, die Stiftung Lesen, ein Appartementhaus für die kostenlose Unterbringung von Eltern, deren Kinder im Krankenhaus behandelt werden – sie alle profitieren von Geld- oder Sachspenden, der Verteilung von Info-Material, dem ehrenamtliches Engagement der Mitarbeiter.

Weißgerber Lesezirkel: Ein Unternehmen, auf das Tempelhof stolz sein kann. Christoph Schröder

Kontakt: WeißgerberLesezirkel, Mohriner Allee 30-34, 12347 Berlin Tel.: 030/740 748716, Info: www.weissgerberlesezirkel.de/

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