Berlin – Eine Stadt mit zwei Gesichtern

Sonntagnachmittag auf dem Tempelhofer Felde, 1889 © Elsengold Verlag

Der Historiker Hans-Ullrich Thamer und die ehemalige Leiterin der Fotosammlung des Berliner Landesarchivs, Barbara Schächte, schreiten in dem großformatigen Bilderbogen das 19. Jahrhundert im Alltagsleben Berlins ab. Mit insgesamt etwa 1.000 Fotos entsteht eine dichte, facetten- und umbruchsreiche Zeitreise durch das Berlin von 1800 bis 1914 zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Berlin beginnt sich Anfang des 19. Jahrhunderts rasant zu verändern. Die dynamische Bilderreise zeigt den Einzug Napoleons durch das Brandenburger Tor (1806) nach seinen Siegen über Preußen, das Alltagsleben der kleinen Leute und der besseren Gesellschaft, sowie die Industrialisierung Berlins.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts war Berlin vor allem als Haupt- und Residenzstadt von Preußen. Die Industrialisierung und der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerjahre führen zur Ansiedlung zahlreicher Unternehmen in der Stadt und einer neu entstehenden Arbeiterschaft. 1871 wird Berlin die Hauptstadt des Deutschen Reiches und damit politisches, ökonomisches und wissenschaftliches Zentrum des Kaiserreichs. Der Chronist Saß hat es so beschrieben: „Oben der Glanz einer Residenz und des Reichtums, in breiter Unterlage die Schichten einer notwendigen Existenz und des Proletariats.“

Die Expansion der Industrie und der Bedarf an Arbeitskräften bewirkten einen rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen. Berlin ist im 19. Jahrhundert eine rasant wachsende Stadt. 1877 überschreitet die Einwohnerzahl die Millionengrenze. 1900hat die Stadt fast 1,9 Millionen Einwohner, und unter Einschluss der 23 Vororte leben insgesamt 2,5 Millionen Menschen im unmittelbaren Einzugsbereich. 1912 übersteigt die Einwohnerzahl innerhalb der Stadtgrenzen die Zwei-Millionen-Grenze.Berlin wuchs in dieser Zeit zu einem der wichtigsten Industriezentren Europas heran.

Der Band fächert bilderreich diese zwei sehr unterschiedlichen Gesichter dem des Machtzentrums und Reichshauptstadt und dem Industriezentrum mit seinen Industrie- und Arbeitskräften auf. Es geht vor allem um das Alltagsleben. Jedem Kapitel wird eine historische Erläuterung vorangestellt.  Der Band gliedert sich in Themenfelder wie Menschen auf der Straße, Wohnen und Familie, städtische Arbeitswelten, Versorgung und Konsum sowie Gesellschaft und Kultur auf.

Urbanes Vergnügen

Im Kapitel „Gesellschaft und Kultur“ wird auf die entstehende Freizeitkultur und die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten der verschiedenen Gesellschaftsschichten eingegangen. Da privater Lebensraum knapp und teuer war, verlagert sich das Leben zusehends in den öffentlichen Raum. Die wachsende Stadt und die zunehmende Bebauung locken die Großstädter in Parks und Grünflächen. Es entstehen in den Städten neue Formen der Alltags- und Freizeitkultur. Sehr ausgedehnt und ausgeprägt muss man sich die damaligen Gesellschaftsformen vorstellen, die einen deutlichen Trend zur Verlagerung in die Öffentlichkeit aufwiesen.

Herr mit Zylinder 1907 beim Drachensteigen auf dem Tempelhofer Feld © Elsengold Verlag

Das Tempelhofer Feld ist ein Ort der Naherholung, Picknicks finden hier statt und es wird Sport getrieben. So sehen wir einen elegant gekleideten Herrn mit Zylinder, der 1907 seinen Drachen hier aufsteigen lässt (s.S. 218). Auch junge Mütter mit ihren Kindern auf einem Foto von 1907 (s.S. 120) treffen sich, um sich auszutauschen.

Junge Mütter mit Kindern auf dem Tempelhofer Feld, 1907 © Elsengold Verlag

Ganz unterschiedlichen Vergnügen gingen die Besucher auf dem Bild „Sonntagnachmittag auf dem Tempelhofer Felde“ von Georg Koch, 1889 (s.S. 216), nach. Nicht anders als heute kann hier jeder seinem Pläsir fröhnen. Frauen in langen Kleidern und mit Hüten gehen spazieren oder sind ins Gespräch vertieft. Tanzende Kinder und andere, die mit Bällen spielen. Männer messen ihre Kräfte oder liegen im Gras bei einem Kartenspiel. Dichtgedrängt findet dies nebeneinander statt. Oder der mobile Ausschank von Weißbier, der Genuss saurer Gurken und Würstchen im Volkspark Hasenheide um 1880 (s.S. 223).

Ausflugsbetrieb im Volkspark Hasenheide, Verkaufstand für Weißbier, saure Gurken und Würstchen, um 1880 © Elsengold Verlag

Bilder vom Alltag der Großstadt

Der Bildband erzählt in einzelnen Fotografien Alltagsgeschichten aus Berlin. Der große Rahmen der Geschichte als Hauptstadt steht dabei nicht im Vordergrund. Der Bildband bietet eine Stadtbilddokumentation aus der Perspektive der sogenannten kleinen Leute an. Alltagsleben wird in diesem Band als eine Perspektive „von unten“ definiert. Die Bilder und Fotografien stellen Mangel, Krankheit und Schufterei da, genauso aber Spaß, Vergnügen und Unterhaltung.

Die Dynamik dieser Bilderreise entsteht durch die sehr unterschiedliche Bebilderung. Anfänglich wird das Alltagsleben durch Gemälde, Holzstiche und Lithografien dokumentiert. Bis ab Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Schwarz-Weiß-Fotografie entstehen, die langsam durch die kolorierte Fotografie abgelöst wurden.

Spannend ist der Band besonders da, wo unser Bilderkanon erweitert wird. Barbara Schächte als gute Kennerin der Fotosammlung hat hier einige wirkliche Schätze geborgen. Besonders beeindruckt haben mich die Bilder, die sich mit der Rolle der Frau in der Arbeitswelt beschäftigen. „[…] das Emporklettern der Weibchen ist ein reinstes Symbol von erstaunlicher Aktualität“, so Alfred Kerr in einem Brief aus der Reichshauptstadt vom 12. Juli 1896. Tief versunken redigiert die Korrektorin die Zeitung (s.S. 173) oder das Gruppenbild die Mitarbeiterinnen die auf dem Hof eines Berliner Paketpostamts stehen, 1910 (s.S. 183).

Mein Fazit:

Ein opulenter Fotoband! Das Buch wendet sich an interessierte Laien. Ein Bildband, den man immer wieder aus dem Regal nehmen kann, um die Stadt und ihre Alltagsgeschichte neu zu entdecken.Die Mischung bekannter und weitgehend unbekannter Fotos macht den Band besonders interessant.

Ein sehr materialreicher schöner Bildband mit ein paar kleinen Mängeln. Schade ist, dass für Tempelhof Interessierte nur wenige Bilder das Leben im Bezirk illustrieren. So hätte ich mir Bilder der Luftfahrt-, Militär- sowie der deutschen Fußballgeschichte in Tempelhof gewünscht. Bilder vom „BFC Germania 1888“, einemder ältesten noch bestehenden Fußballvereine Deutschlands. Wegen der fehlenden Informationen zu den Fotografinnen und Fotografen fehlt der Publikation leider eine reflexive Ebene.Experten könnten hier Einwände haben.

Hans-Ulrich Thamer, Barbara Schäche, Alltag in Berlin, Das 19. Jahrhundert, 312 Seiten, 24,3 x 33,7cm, rund 1000 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-944594-75-0,  49,95 €

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