Harry Schreiber trainiert heute den Nachwuchs

Boxen stand immer an erster Stelle

© Yvonne de Andrés

134 Kämpfe bestritt er, von denen er 90 gewann, 10 unentschieden beendete und 34 verlor. Diverse Male war er Berliner und Norddeutscher Meister, deutscher Vizemeister. In den 20 Jahren seiner Amateurboxerkarriere war er Bundesliga- und Nationalmannschaftsboxer. Heute bietet Harry Schreiber im 3-D-Medienhaus Marienfelde, einer offenen Kinder- und Jugendeinrichtung, in der Domagkstraße jeden Donnerstag ehrenamtlich sein Boxtraining an. Er ist lizensierter Trainer beim Landessportbund und beim Berliner Box-Verband; seit 2000 hat er den Trainerschein. Bereits 2012 zeichneten ihn die Jugendlichen des SCC Südwest 1947 e.V. als „bester Trainer“ aus. Mädchen und Jungen im Alter von zwölf bis ca. 20 Jahren können sich hier auspowern und überschüssige Energie in sinnvolle Bahnen lenken. 

Harry ist eine aufgeschlossene Person, wenn auch kein Mann großer Worte. Knapp, direkt, berlinerisch ist seine Sprache. Unser Gespräch unterbrechen wir um pünktlich das Training in der Kleinfeld-Sporthalle zu beginnen. Nach dem Aufwärmen werden im Zirkel Übungen in 5-Minuten-Sequenzen absolviert. Deuserband, Schattenboxen mit 1-kg-Hanteln, Seilspringen, Liegestützen, Bauchmuskelübung wechseln sich ab. Dabei werden Koordination, Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer trainiert. Viel Wert legt Harry Schreiber dabei auf die Vermittlung von Respekt, Disziplin, Fairness und Sportlichkeit. 

Harry Schreiber mit seinen Schützlingen in der Trainingshalle des 3-D-Medienhauses in Marienfelde © Yvonne de Andrés

Die Gruppe ist klein. „Mehr als sechs bis acht nehme ich anfänglich nicht.“ Der Kontakt beim Training wirkt offen und vertraut. Harry ist stolz darauf, dass sich „seine“ Jugendlichen, wie er sagt, „alle im grünen Bereich“ befinden. Sie studieren und beteiligen sich an Wettkämpfen oder haben Turniersiege errungen wie Alexander Stertz, der im März Berliner Meister im Halbschwergewicht in der Kategorie U19 geworden ist. „Dit ist doch wat.“ 

„Dit war erstmal nüscht für mich“

Vor 67 Jahren wurde Harry in Moabit geboren. Heute wohnt er in der Nähe der Trainingshalle in Marienfelde. Zum Boxen kam er früh durch seinen Vater, der ihn irgendwann zum Turnier mitnahm. „Mein Trainer ist der beste Freund meines Vaters gewesen – und da gingen wir hin.“ Es dauerte etwas, bis er sich mit dem Sport anfreundete. „Immer ´ne blutige Neese holen, nee, danke!“ Die Amateurkarriere startete er als13-jähriger. Trainer Fredy Schön nahm ihn im Weddinger SV Astoria e.V. unter seine Fittiche. Diesem Verein gehörte er lange an, bevor er für Hertha BSC boxte. Beide Klubs zählen zu den traditionsreichsten Boxvereinen Berlins. Jürgen Kraft, den ehemalige Radrennfahrer und Sportjournalisten zitiert Harry: „Ich hatte Ärger in der Schule und wollte mich hin und wieder auch mal durchsetzen können.“ Dem damals drahtigen jungen Mann machte es irgendwann großen Spaß. Er blieb. Wobei der 13-jährige als Papiergewicht mit 94 Pfund auf der Waage begann und sich dann über das Fliegengewicht bis ins Mittelgewicht boxte.

Mit der Rechten das Kinn abdecken

Die Regeln im Amateurboxen weichen von denen der Profiboxer ab. In drei Runden von drei Minuten mit jeweils einer Minute Pause zwischen den Runden wird geboxt. Als gültiger Treffer wird gewertet, wenn der Gegner an Kopf, Hals, Schultern oder Oberkörper getroffen wird. Fünf Punktrichter bewerten den Kampf und drücken bei einem Treffer auf einen Knopf. Es ertönt ein lautes Signal, das anzeigt, dass der Punkt zählt. Die Amateurboxer- und boxerinnen müssen Zahn-, Tief- und Brustschutz (Frauen auch Kopfschutz) sowie ein Shirt ohne Ärmel tragen. Die Boxhandschuhe haben eine weiße Schlagfläche. 

Trainiert hat Harry sieben Tage die Woche und dies jahrelang – mindestens einmal am Tag. Seine Leidenschaft und Faszination für den Sport wuchs mit den Scheinwerferlichtern im Ring, den Berichten in den Zeitungen und den farbigen Plakaten an den Litfaßsäulen. 15 Tage vor dem Kampf sahen die Gesichter einem entgegen. Er schwärmt von den Kämpfen im Sportpalast, der Deutschlandhalle und der Begeisterung des Publikums. 8.500 Besucher strömten zu seinen Kämpfen. Diese öffentliche Aufmerksamkeit, die großen Beiträge in der „B.Z.“ – dies gebe es heute nicht mehr, stellt er mit Bedauern fest. Vielleicht finden sich noch eine Ankündigung oder ein kurzer Bericht über die Berliner Meisterschaft in der „Berliner Woche“. Das wirke sich auch auf die Motivation aus. Es kommen nicht mehr so viele Besucher, die Zahl ist auf 200 bis 300 gesunken – so viele wie früher zum Training kamen. Die Verbindlichkeit bei Sparringskämpfen, wo die Schlag- und Defensivtechniken, Beinarbeit sowie die richtige Distanz zum Gegner geübt werden, fehlt oft. “So fahren wir fünfmal nach Prenzlauer Berg, Weißensee, Hohenschönhausen oder Spandau und der Gegner oder die Gegnerin erscheint nicht.“ Das Interesse hat leider am Amateurboxen stark abgenommen. 

Die ganze Welt bereist

Die Meisterschaften haben Harry überall in Deutschland und Europa in den Ring gebracht. In Asien, Thailand und Indien hat er an verschiedenen Wettkämpfen teilgenommen. 

Doch er hatte auch Pech. Drei große k.o.-Niederlagen gegen Burkhart Barnowski, Eckhard Dagge und Günter Meyer bremsten ihn ebenso aus wie ein paar Unfälle und ein Bandscheibenvorfall. 1983 war dann Schluss im Ring. 

1995 ist er mit 44 Jahren im Rahmen einer Benefiz-Gala in Marzahn nochmals in den Ring gestiegen, der guten Sache wegen – Harry ist für soziale Projekte zu gewinnen. Mit dem Erlös des Kampfes von 15.000 DM wurde für eine Marzahnerin ein Elektrorollstuhl gekauft.

Höhen und Tiefen des Boxens hat er durchlebt und denkt nun ans Aufhören. Yvonne de Andrés

Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung, 3D Medienhaus Marienfelde, Domagkstraße 3, 12277 Berlin Info: https://www.nusz.de/start/kinder-und-jugend-freizeitstaetten/3d-medienhaus-marienfelde/

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