Schwimmerin, Europäerin, Mariendorferin

Badegenuss im Schwimmbad: Schwimmen ist Entspannung und Freiheit ©privat

Bianca Tchinda

Gelesen hat man schon einiges von ihr; denn Bianca Tchinda schreibt nicht nur einen Schwimmblog, sondern ist mit knapp 27.000 Tweets auch bei Twitter ganz aktiv. Meist aber ist die 53-Jährige in einem der 61 Berliner Bäder anzutreffen.

Die Mariendorferin ist eine lebendige, quirlige Frau, die geradeheraus sagt, was sie meint – vor allem über die Berliner Bäder und die Schwimm(bad)kultur. Dabei denkt sie weit über den heimischen Beckenrand hinaus.

Schwimmen gelernt hat sie in der Oker, einem Fluss im Harz. Ihr Vater hat es ihr beigebracht – mit dem Rat: „Sei schneller als die Fische, dann beißen sie dich nicht.“ Inzwischen lebt die gebürtige Niedersächsin seit mehr als 30 Jahren in Berlin. Sie geht fast täglich ins Wasser, um mindestens 1.500 Meter zu schwimmen. Sie kennt jedes Bad, weiß die Öffnungszeiten aus dem Kopf und ist mit und bei allen Mitarbeitenden bekannt.

Licht- und Wasserspiele

Das Bad am Ankogelweg sei ihre Wasserstube. „Es war das erste Bad, das ich aufgesucht habe, als ich nach Berlin kam. Und es ist das zuverlässigste Bad, was die Öffnungszeiten angeht.“ Das Freibad an der Rixdorfer Straße nennt die Schwimmerin liebevoll ihre Sommerresidenz. „Es ist in der Nähe meiner Wohnung, und auch im Bad ist alles nah beieinander.“ Doch jedes Bad in Berlin habe seinen besonderen Reiz. 

Die Leichtigkeit der Bewegung

Es ist die Freiheit, die sie am Schwimmen liebt. „Es kostet ja immer Überwindung ins Wasser einzutauchen. Aber es trägt einen ja. Aber nach ein paar Bahnen schaltet sich der Kopf ab, man sei mit sich allein. Dann kann ich loslassen und gleichzeitig nachdenken und Entscheidungen treffen.“ Außerdem könne man in den Hallenbädern wunderbare Dinge entdecken. „Legen Sie sich auf den Rücken und gucken sich die Decke an: Wie das Licht scheint, wohin der Schatten fällt, welche Geräusche es gibt. Wie das Wasser leuchtet.“ Wer sich mit Bianca Tchinda übers Schwimmen unterhält, sieht die Berliner Bäder danach anders.

Schwimmen, bloggen, Politik

Wann immer es geht, schwimmt Bianca Tchinda 1,5 Kilometer pro Tag ©privat

Bianca Tchinda schreibt schon lange über ihre Bädererfahrungen, über nicht eingehaltene Öffnungszeiten, falsche Informationen, mangelnde Transparenz. Und ist mit dieser Kritik nicht allein. Deshalb geht sie 2015 mit ihrem Schwimmblog online. Sie bloggt fast täglich und diskutiert auch auf Facebook und Twitter. Ihre Kommentare, Vorschläge und Kritik sind fundiert und zeugen von großem Wissen. Immer häufiger wird sie gebeten, zu Themen rund um den Bäderbetrieb zu sprechen; in Arbeitskreisen, Werkstattgesprächen, vor der BVV, in den Medien. „Das zeigt mir, dass aus diesem Ärger, den ich hatte, genau das Richtige entstanden ist. Wir haben alles an Bädern, was man sich vorstellen kann. Aber das muss besser gepflegt werden, das muss geöffnet werden, es muss zugänglich sein.“ 

Das Management der Berliner Bäderbetriebe habe sich seit dem Wechsel 2016 verbessert, sagt die Aktivistin, die Situation für Schwimmerinnen und Schwimmer leider nicht. Um nicht nur zu meckern, sondern Dinge zu bewegen und zu verändern, gründet sie den Verband der Berliner Bäderbesucher. „Wir setzen uns für die Leute ein, die unorganisiert schwimmen gehen wollen, ohne Verein oder Kurs. Schulschwimmen, Vereinsschwimmen, Aquafitness, Schwimmkurse, Springen, Sportschwimmen, plauderndes Schwimmen – alle brauchen Wasserflächen, und diese muss man gerecht und transparent aufteilen. Aber wir wollen nicht, dass die Nutzergruppen gegeneinander ausgespielt werden.“

Eigentlich ein einfaches Anliegen; denn an vielen anderen Orten existieren öffentliches und Vereinsschwimmen zeitgleich nebeneinander. “Ein paar Bahnen sind für die Vereine, die anderen für die Öffentlichkeit. So funktioniert es überall in Europa. Nur hier nicht.“ 

Leidenschaftlich plädiert sie dafür, die Wichtigkeit der Bäder und des Schwimmens wieder in den Vordergrund zu rücken. “Wenn das so weitergeht, dass der Schwimmunterricht nicht mehr gewährleistet ist, dass Vereine nicht mehr regelmäßig schwimmen können, dass die Öffentlichkeit nicht üben kann, dann ist das fatal. Ohne Schüler, die es heute nicht lernen, gibt es morgen keine Kunden, die schwimmen gehen. Ohne den Breitensport in den Vereinen gibt es keinen Leistungssport. Ohne den gibt es keine Medaillen, die alle haben wollen. Das eine bedingt das andere.“

Stadt, Land, Welt

Bianca Tchinda ist als Jugendliche viel in Europa unterwegs gewesen. Offene Grenzen, überall hinreisen zu können, auch das bedeutet für sie Freiheit. „Die Ostberliner Bäder waren früher für uns unerreichbar. Obwohl sie nur 30 Minuten entfernt waren.“ Gleichzeitig liebt sie ihren Kiez in Mariendorf. „Das ist mein Zuhause. Das Schöne ist ja, die Weltstadt Berlin ist nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Und die Wildschweine und Hirsche in Brandenburg erreiche ich auch in einer Viertelstunde. Von hier aus kann ich überall hin. Deswegen ist Mariendorf auch Europa. Wenn auch manchmal ein bisschen aus der Welt.“

Bianca und die Lewissohns

Das Seebad Mariendorf um 1925 ©Sammlung Hans Ulrich Schulz

Als Bianca Tchinda vor ein paar Jahren durch Zufall auf die Geschichte des ehemaligen Seebads Mariendorf in der Ullsteinstraße stieß, konnte sie es kaum glauben: „Du schreibst über Schwimmbäder und hast keine Ahnung, dass sich in Luftlinie fünf Minuten entfernt Berlins größtes und schönstes Seebad befand.“ Sie sucht nach Informationen, stöbert in Archiven, trifft sich mit Zeitzeugen. Recherchiert über den Erbauer, Adolf Lewissohn, über seine Frau Luise und seine Tochter Helene, die das Bad in den 1920er Jahren übernahm. Die leidvolle Geschichte der jüdischen Familie von der Enteignung bis zur Nichtwiedergutmachung in den 1950er-Jahren hat sie auf ihrem Blog dokumentiert. Vehement setzt sie sich dafür ein, Adolf und Helene Lewissohns zu gedenken. „Wir dürfen nicht vergessen, was damals passiert ist und welche Rolle Tempelhof dabei gespielt hat.“ Ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus, denn in diesem Jahr hat die BVV beschlossen, dass neue Multifunktionsbad im Ankogelweg nach Helene Lewissohn zu benennen und eine Gedenktafel für ihren Vater in der Ullsteinstraße aufzustellen, dort, wo sich das Bad früher befand.

„Zukunft hat ohne Vergangenheit keinen Wert. Und Geschichte, die vor der Haustür stattgefunden hat, muss man auch vor der Haustür angucken können. Das funktioniert in Schöneberg mit „Wir waren Nachbarn“. Das brauchen wir auch hier in Tempelhof.“ 

Politisch aktiv zu sein – auch das bedeutet Freiheit für Bianca Tchinda. Diese Freiheit nutzt sie seit ihrer Jugend und hat bis heute nicht nur eine Meinung, sondern auch eine Haltung. Das macht sie sympathisch, auch wenn sie mit ihren Ansichten zur Bäderpolitik manchmal auf Kritik stößt. „Dabei geht es bei all diesen Aktionen nicht um mich. Ich möchte, dass es besser, leichter und zugänglicher für alle wird. Weil wir einfach die schönste Bäderlandschaft in Europa haben.“

Katrin Schwahlen

Info: www.schwimm-blog-berlin.de, Verband der Berliner Bäderbesucher e.V. www.vdbbb.de , Twitter: @SchwimmBlog, Facebook: schwimmblogberlin

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