Ort der Ankunft und vielschichtige Erinnerungslandschaft

Die Montage mit der JU 52 der Deutschen Lufthansa zeigt einen Blick über den 355 Hektar großen Flughafen Tempelhof mit den imposanten Gebäuden © Archiv Ralf Jacob, Montage Tom Uecker

Baustelle Flughafen Tempelhof

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Wer am Platz der Luftbrücke aus der U-Bahn steigt, erlebt einerseits den pulsierenden Straßenverkehr – auf der anderen Seite jedoch das riesige, stille Gebäude des ehemaligen Zentralflughafens.

Lang erstreckt sich das viertelkreisförmige Bauwerk. Zur Stadtseite hin dominiert der monumentale Anspruch der Blut- und Boden-Architektur des von Hitler geplanten Flughafens für die Welthauptstadt „Germania“. Zur Flugfeldseite zeigt sich die Moderne mit einem hinausragenden Stahltragwerk. Wie zwei lang ausgebreitete Arme umfassen die alten Gemäuer das ehemalige Flugfeld – heute das Ausflugsziel für Stadtbewohner, Sportler und Touristen. 

Geschäftsführerin Jutta Heim-Wenzler © Yvonne de Andrés

Jutta Heim-Wenzler, seit 2017 Geschäftsführerin der „Tempelhof Projekt GmbH“, weiß, wie komplex und herausfordernd das ehemalige Flughafengebäude ist. Im Gespräch bei einem Rundgang mit dem tempelhofer journal erläutert sie ihre Zukunftsvorstellungen für das Areal. „Die größte Herausforderung an diesem Standort ist die schiere Größe und Komplexität. Wir haben ein riesiges Gebäude, das die Größe eines Stadtteils hat.“ 

Doch sie hat klare Vorstellungen: In Zukunft soll die historische Kulisse Experimentierort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft werden. „Sanieren“, „Nutzen“ und „Partizipieren“ sind ihre drei großen Themen.

70 Jahre „Luftbrücke“-Bewegte Geschichte

Hilfe aus der Luft: Anflug eines Rosinenbombers, der West-Berlin mit Lebensmitteln und anderen Güter versorgte © Architekten Henry Ries

Ende der 1920er-Jahre war Tempelhof einer der meist genutzten Zivilflughäfen Deutschlands. Wenige Jahre später ließen die Nationalsozialisten den Bau erweitern. Als 1948 die Blockade Berlins durch die die Sowjetunion begann, war der Flughafen Dreh- und Angelpunkt für die Luftbrücke. Hier starteten und landeten die sogenannten Rosinenbomber, die die Bevölkerung aus der Luft versorgten.

Auch 70 Jahre danach ist die Erinnerung an die Luftbrücke sehr lebendig.

„Die Fotografien der Kinder, die auf den Trümmern Berlins stehen und hier am Flughafen Tempelhof auf ihre Rosinenbomber warten, gingen um die Welt und berühren einen jeden von uns bis heute“ erklärte Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler kürzlich bei der Gedenkveranstaltung der nach Berlin zurückgekommenen Mitglieder der „Berlin U.S. Military Veterans Association“. Schöttler: „Dass nur drei Jahre nach Kriegsende eine Hilfsaktion, wie die der Luftbrücke die ehemaligen Feinde mit zum Überleben erforderlichen Gütern versorgt, zeugt von einem tiefen Humanismus“. Mercedes Wild, Vertreterin der „Luftbrückenkinder“ ist heute eine ältere Dame. Sie erzählte während der Veranstaltung: „Der Sound der Rosinenbomber brachte uns Hoffnung“. Sehnsüchtig suchte sie als Kind den Himmel nach Flugzeugen ab. Später verband sie eine Freundschaft mit dem in Berlin unvergessenen „Candy-Bomber“-Piloten Gail S. Halversen.

Gedenkfeier am Platz der Luftbrücke zum 70. Jubiläum der Berliner Luftbrücke © Yvonne de Andrés

Ende des Flugbetriebes nach 85 Jahren

Nach dem Ende der Blockade wurde der Flughafen militärisch genutzt und Mitte 1951 wieder für die zivile Luftfahrt geöffnet. Die drei Fluggesellschaften der Westalliierten,  Pan Am, BEA und Air France, flogen gemeinsam Tempelhof an. Der Passagier-Luftverkehr entwickelte sich schneller als erwartet, war dies doch die einzige Möglichkeit, ohne Kontrollen von West-Berlin nach Westdeutschland zu gelangen.

1954 hatte der Flughafen Tempelhof schon mehr als 650.000 Fluggäste. Die Millionengrenze wurde schnell überschritten. Der im Wohngebiet gelegene Flughafen wurde1975 schon einmal für den öffentlichen Luftverkehr geschlossen und der Flugverkehr auf den Flughafen Tegel verlagert. Zehn Jahre später wurde der Flugbetrieb auf dem innerstädtischen Airport Tempelhof für kleinere Flugzeugen wieder geöffnet, für größere Maschinen war der Flughafen zu klein.

Nach der Wiedervereinigung 1990, als Verkehrsflughafen für Kurzstrecken genutzt, erreichte er schnell seine Kapazitätsgrenze. Der Flughafen wurde zugunsten des künftigen Großflughafens Berlin Brandenburg 2008 stillgelegt.

Schließung, Zukunftspläne, Flüchtlinge

Die Tempelhof Projekt GmbH, Tochtergesellschaft der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, hat seit 2011 den Auftrag das Tempelhofer Feld zu entwickeln. Pläne sahen damals eine Randbebauung mit Wohn- und Gewerbenutzung sowie die Errichtung eines neuen Gebäudes der Zentral- und Landesbibliothek vor. Nach dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld 2014 stoppten die Berliner die Vorhaben. 

Die Aufgaben der Gesellschaft mussten neu definiert werden. Seitdem steht die Sanierung des Gebäudes im Mittelpunkt.

Entwurf für die geplante Geschichtsgalerie auf dem Dach © mizd, Biel Schweiz

Teile des Bauwerks sollen für die Öffentlichkeit zugänglich sein, ein Tower-Projekt wird diskutiert und auf dem 1.200 Meter langen Dach soll eine Geschichtsgalerie entstehen.

Schon jetzt gibt es das ganze Jahr über Großveranstaltungen. im zentralen Eingangsbereich, der Haupthalle oder in den Transitgängen. Die Events sind eine feste Größe geworden: ob ein Konzert der „Toten Hosen“, das Musikfest „Lollapalooza“, das Drachenfest oder die Autorennen von „Formula E“.

Im Herbst 2015 wurden einige Hangars kurzfristig für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten konzentrierte man sich auf diese neue Aufgabe. Baumaßnahmen wie z. B. die Sanierung der Hangardächer und verschiedener anderer Gebäudeteile wurden realisiert, damit ca. 2500 Menschen in den Hangars leben konnten. Inzwischen sind diese wieder leer. Auch das Containerdorf auf dem Vorfeld wird im kommenden Jahr wieder abgebaut.

Jutta Heim-Wenzler hat laut Koalitionsvereinbarung der Berliner Landesregierung die Aufgabe, das Flughafengebäude nun für kulturelle, kreativwirtschaftliche und öffentliche Nutzung zu errichten. Dabei soll das Flughafengebäude in öffentlicher Hand bleiben und öffentlich genutzt werden können. Vorgesehen ist auch eine Teilhabe der Bevölkerung an der Entwicklung. Ein erster Ideenwettbewerb, sowie eine Grobstruktur des Partizipationsprozesses sind bereits festgelegt; das Arbeitsgremium zu seiner Umsetzung hat sich im Juni 2018 konstituiert. 

Touristische Highlights im Bezirk

Bei der Umgestaltung der Gebäude wird mit dem Kopfbau West und dem Tower begonnen. In dem Kopfgebäude befindet sich ein großräumiges Treppenhaus, das nach der Sanierung erstmals öffentlich begehbar sein wird. Mit diesem ersten Schritt soll der einstige Zentralflughafen für Besucher neu erlebbar gemacht werden. Einmal von ganz oben auf das Tempelhofer Feld und über Tempelhof sowie Kreuzberg und Neukölln zu schauen wird ein touristisches Berlin-Highlight. Das Vorhaben wird im Rahmen des „Bundesprogramms nationale Projekte des Städtebaus“ vom Bundesministerium des Innern gefördert. Weiter ist der Ausbau der „Geschichtsgalerie auf dem Dach“ geplant. In den Hangar 7 soll das „Alliierten Museum“, zurzeit noch in der Clayallee beheimatet, einziehen. Es erzählt die Geschichte der westlichen Alliierten während der Berliner Luftbrücke und des Kalten Krieges. Rund 27 Millionen Euro wurden von der Bundesregierung für das Projekt bewilligt. Der Hangar 6 wird voraussichtlich für eine dauerhafte Theater- oder Kulturnutzung hergerichtet. Weitere Projekte sind das Besucherzentrum, die modernen Büros im Bauteil A1, die Nutzung im leer stehenden und entkernten H2, ein Digital- und Innovationszentrum sowie die Entwicklung des Eventbereichs. Die Tempelhof Projekt GmbH will mit kurzfristigen Mietverträgen Geld einspielen. 

Eine Parklandschaft auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist entstanden. Auf dem Rollfeld spazieren gehen, joggen, skaten, radfahren und Drachen steigen lassen. Wo gibt es das sonst? © Yvonne de Andrés

Jutta Heim-Wenzler betont wie wichtig ihr das Gespräch und die Partizipation der interessierten Öffentlichkeit sind. Auch deshalb war am 1. September „Tag der offenen Tür“. Für die Geschäftsführerin ist der Flughafen ein Ort der Ankunft. Aus ihm ein Erlebnis zu machen, ist ihr Ziel. Yvonne de Andrés

INFOS

Kontakt: Tempelhof Projekt GmbH, Columbiadamm 10, Gebäude A2, 12101 Berlin, Tel.:030 200 037 400, Info: www.thf-berlin.de, www.thf-berlin.de/standortentwicklung/tower-thf/, www.thf-berlin.de/standortentwicklung/geschichtsgalerie/, www.thf-berlin.de/standortentwicklung/kreativquartier/

Besucherservice: Kontakt: E-Mail: tour@thf-berlin.de, Tel.: 030 200 037 441, Tickets: www.thf-berlin.de/fuehrungen/preise-tickets/, tägliche thematische Führungen von fachkundigen Guides durch das ehemalige Flughafengebäude Tempelhof, Start: im ehemaligen GAT-Bereich, Büro der Tempelhof Projekt GmbH, Tempelhofer Damm 1-7, 12101 Berlin Tempelhofer Feld-Kontakt: Tempelhofer Damm, 12101 Berlin, Eintritt frei,

Eingänge: im Westen; Haupteingang Tempelhofer Damm, S/U-Bhf. Tempelhof, Nebeneingang Tempelhofer Damm/ U-Bhf. Paradestraße, im Norden; Haupteingang Columbiadamm/ Lilienthalstraße, Nebeneingang Columbiadamm/ Golßenerstraße, im Osten; Haupteingang Oderstraße / Herrfurthstraße, (5 weitere Eingänge an der Oderstraße), Öffnungszeiten richten sich nach den Jahreszeiten, Eintritt frei

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