Kolumne

Heimat ist nicht nur ein Wort

Ein Magazin für Tempelhof? Hier passiert doch nichts. Worüber soll es denn berichten? Hier gibt es keine überregional renommierten Theater, nicht einmal ein Kino, die große Politik wird in Mitte und Tiergarten gemacht, und die Prominenz trifft sich auch nicht unbedingt auf dem Tempelhofer Damm.

Und dennoch erscheint das tempelhofer journal (tj) seit 15 Jahren mit Geschichten aus dem Bezirk – und ist dabei auch noch sehr erfolgreich! Immer mehr Leser greifen zu.

Es informiert nämlich nicht über Sensationen und Außergewöhnliches, sondern über das Leben; stinknormal und vertraut. Darin liegt sicher auch der Erfolg des tj begründet. 

Der Leser erkennt in den Artikeln ihm bekannte Adressen, Gesichter und Namen und mit ihnen ein Stück seines eigenen Lebens. Berichte aus Tempelhof sind immer auch Stories über die Menschen dort. Das tj berichtet über uns – meine Nachbarn und mich.

Vom tj dabei als ein Kiezmagazin zu sprechen, trifft es jedoch nicht richtig. Marketingstrategen der Tourismus- und Immobilienbranche haben sich vor Jahren den Kiezbegriff gekrallt und ihm ein trendig-hippes Image für die Szeneviertel à la Bergmann-Kiez verschafft. Für unser bürgerlich- braves Tempelhof ist er also mittlerweile eher ungeeignet. Und auch Begriffe wie „Nachbarschaft“ oder „Bezirk“ beschreiben mit ihrem verwaltungstechnischen Charme nicht annähernd das wohlig vertraute Gefühl, das bei der Lektüre des tj aufkommt. 

Bleibt nur das Wort „Heimat“ – von vielen verschmäht, von einigen sogar gefürchtet. 

Wikipedia erklärt Heimat unter anderem als den Ort, an dem man sich wohl fühlt, und in diesem Sinne ist das tj für mich eine Heimatzeitung. Denn um hier sein Zuhause zu haben und sich heimisch zu fühlen, muss man nicht in Tempelhof geboren sein, auch wenn dies erfreulicherweise für sehr viele Babys zutrifft. Das Journal berichtete über die Geburtenrekorde des St.-Joseph-Krankenhauses (schon 2014). Ob nun Zugezogene wie die Schüler einer Willkommensklasse (2016), Bianca Tschinda (Schwimmerin, Europäerin, Mariendorferin, 2018), und kulinarische Bereicherungen in Form von italienischen, griechischen und thailändischen Restaurants, oder Tempelhofer Pflanzen wie der BFC Germania, ältester Fußballverein Deutschlands (2017), und traditionelle Familienunternehmen: Sie alle machen das Tempelhofer Heimatgefühl aus. Heimat als Patchwork verschiedener Biografien, vereinigt in dem einen Gefühl: Hier in Tempelhof leben wir gut und gerne zusammen: Darüber berichtet das tj seit 15 Jahren – und das ist gut so.

Historikerin und Autorin

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