Sigrid Weise – RUHE.STÄTTE. 

Friedhöfe im Wandel der Zeiten

„RUHE.STÄTTE. Erinnerungskultur im Wandel. Künstlerische Bestandsaufnahmen auf Berliner Friedhöfen“ ist der Titel eines neuen Bildbandes  der Tempelhofer Autorin und Künstlerin Sigrid Weise. Karl-Heinz Kronauer vom tempelhofer journal hat mit der Autorin gesprochen.

tj: Frau Weise, was war der Beweggrund für diesen Band?

RUHESTÄTTE.

Selbstporträt der Künstlerin Sigrid Weise © Sigrid Weise

Sigrid Weise: Wer über Berliner Friedhöfe spaziert, dem fallen irritierende Veränderungen auf. Als Angehörige, Freundin und Begleiterin war ich in den vergangenen Jahren zudem häufig mit den Themen Bestatten, Gedenken, Erinnern konfrontiert. So begann ich 2011, vielschichtige Fotoarbeiten von Grabanlagen unserer Zeit anzufertigen. Es entstanden Werkreihen zu aktuellen Gräbern von arm Bestatteten, von still geborenen Kindern, aber auch von verlegten Opfer- und Kriegsgräbern. Mehrere Ausstellungen – z. B. während des Kunstfestivals „48 Stunden Neukölln 2017“ –, sowie meine Serie der Unbekannten auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Kirchhof und die Fotocollagen Frauenruh 1 und 2 in der Kapelle des Alten Sankt-Matthäus-Kirchhofs – haben zu interessanten Gesprächen mit Besuchern aller Altersklassen und sozialen Schichten geführt. Ich erlebte, wie meine Arbeiten den Betrachtern ermöglichen, sich behutsam einem sensiblen, universellen Thema zu nähern, das in dieser Form noch nicht behandelt wurde. Diese Erfahrung hat mich bestärkt, über den Wandel der Erinnerungs- und Begräbniskultur ein Buch zu erstellen.

Können Sie Beispiele für Veränderungen nennen?

Zunehmend ungenutzte Flächen, verwaiste Grabsteine, spärlich gefüllte Urnenwände, aber auch neue Gemeinschaftsgräber oder multikonfessionelle Begräbnisstätten. Solche Beobachtungen sind bezeichnend für einen tiefgreifenden, generellen Wandel in der Begräbnis- und Erinnerungskultur. Wenn diese Entwicklung weiter so rasant verläuft, wird mancher Friedhof bald selbst zu Grabe getragen.

Auffallend sind die teilweise stark bearbeiteten Fotos dieses Titels.

„Kernstück des gerade erschienenen Buches bilden meine Fotoarbeiten. Durch Überlagerungen mehrerer Fotos ähnlicher Grabreihen entstanden neue Bilder. Die meisten dieser Arbeiten scheinen auf den ersten Blick abstrakt. Bei genauer Betrachtung erkennt man viele Details, wie persönliche, aber auch seriell hergestellte Grabbeigaben. Ergänzt wird der Band durch Fotografien, die neue Nutzungen auf ehemaligen Friedhofsflächen zeigen. Es ist kein gewöhnlicher Kunstbildband, sondern er strebt zugleich eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Thema an. Aus verschiedenen Perspektiven verfasste Texte treten in Dialog zu meinen Arbeiten und übersetzen diese in literarische Sprache und Form. 

Tod, Sterben, Bestatten sind unbeliebte, gern verdrängte, Themen – privat wie auch in der öffentlichen Diskussion. Das Buch RUHE.STÄTTE. lädt dazu ein, sich mit den aktuellen Bedingungen von Erinnerungs- und Begräbniskultur am Beispiel der Großstadt Berlin auseinanderzusetzen und die zukünftige Entwicklung des Friedhofs zu durchdenken.

Info: Sigrid Weise, RUHE.STÄTTE. Erinnerungskultur im Wandel. Künstlerische Bestandsaufnahmen auf Berliner Hardcover mit Bezug, 43 Abb., Preis: 24,95 €, Verlag Böhland & Schremmer, Berlin, 2018, www.art-weise-berlin.de, www.vieraugenblick.de

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